POLITIK-LABOR – Ein Thema, drei Schwerpunkte: Aufmacher, Interviews, Europa-Artikel, Glosse und Lokaltexte aus Köln, Wuppertal und dem Ruhrgebiet
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Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Intro (Link zur Langfassung)
Wir leben in lockeren Zeiten, könnte man meinen, angesichts des Tonfalls, der die sozialen Medien prägt, all die Podcasts, und der längst auch im ÖRR angekommen ist, der natürlich alte Formalismen nicht konkurrenzlos abgelöst hat, aber zum medialen Parallelstandard geworden ist, in dem selbst ‚reifere‘ Sprecher sich beflissen beim Jugendsprech bedienen und verbale Intimität suchen. Wo einst eine gewisse Trockenheit und Steife als Ausweis von Seriosität demonstrativ gepflegt wurden, debattiert man nun ernsteste Entwicklungen im Plauderton. Kommunikation wandelt sich halt. Sie kann sich entspannen, während zugleich zunehmende Krisen die Gesellschaft auszubrennen scheinen und sich unter vielen gewitzten Oberflächen leicht erregbare Temperamente verbergen, Konkurrenzkämpfe weiterhin erbarmunglos ausgefochten werden. Den Wandel kann man einfach zur Kenntnis nehmen, begrüßen oder ablehnen. Ganz sicher aber beeinflusst die neue Form auch den Inhalt.
Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Teil 1: Im Alltag
Wird der öffentliche Raum privater? „Im vertrauten Kreis“ mag man sparsamst kommunizieren können, wie es von Außenstehenden halt nicht verstanden würde. Auf dem Gehweg, in der Bahn, in der Warteschlange etc. braucht es dagegen allgemeinverständliche Signale, um Klarheit zu schaffen, Blickkontakt, ein deutliches Wort, Aufmerksamkeit – die nicht freundlich ausfallen müssen. Wer lässt wen vor, weicht aus etc. Es scheint aber üblicher zu werden, dass man „die Zähne nicht auseinanderbekommt“, zu Mimik nicht fähig ist, den Blick nicht vom Smartphone nimmt statt den ‚Konflikt‘ mit einem fremden Menschen irgendeine äußere Aufmerksamkeit zu schenken oder Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Die neue Lässigkeit oder eine zwanghafte (?) Innenkehr, Rückzug aus der Öffentlichkeit, Gleichgültigkeit oder Rücksichtslosigkeit? Selbstverständlich gibt es Aufmerksamkeit, Vorsicht, Rücksichtnahme oder offene Konfrontation. Aber gegenteilige Tendenzen mehren sich.
Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Teil 2: In Medien und Marketing
Vorgebliche Vertrautheit, Manipulation, Grenzüberschreitung, Überwerten des Trivialen, Primat des Entertainments – dergleichen ist bewährt in Werbung, im Clickbait-‚Journalismus‘ oder in sozialen Medien (Influencer …). Die Gewöhnung daran erschwert es anders gelagerten Formaten, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen und zu erhalten – vom Roman über den anspruchsvollen Film bis zum Journalismus. Seriosität, Ernsthaftigkeit oder Sachorientierung sollen und müssen nicht elitär sein, sollen sich ebenfalls Mühe geben müssen, durchzudringen. Ein Interview wird nicht schlechter, wenn man sich duzt, ein Roman nicht schlechter, wenn er von Popkultur durchzogen ist und ein Film nicht schlechter, wenn die Bildsprache kein Kunststudium fürs Verstehen voraussetzt. Aber nicht alles kann oder sollte in Memes oder Shorts verhandelt werden oder um jeden Preis an die mutmaßlich niedrigste Aufmerksamkeitsschwelle angepasst werden.
Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Teil 3: Auf der Arbeit
Am Abschied von Statussymbolen oder an einem Zuwachs von Konkurrenz für selbige, ist vieles gut. Das „Business“ ist aber weder bequemer noch sportlicher geworden, seitdem CEOs, Start-up-Gründer oder Politiker ganz selbstverständlich Turnschuhe und Kapuzenpulli tragen statt Brioni und Königsblau. Es ist auch zu bezweifeln, dass Unternehmen, die prominent für das betriebsinterne Du eintreten/eingetreten sind (Asklepios, Otto ...), die entspannteren Arbeitgeber sind, bei denen es sich wie mit Freunden arbeitet. Hierarchien in Verantwortung, Bezahlung, Freiräumen, Arbeitszeit, Kündigungsschutz, Karriereoptionen u.ä. lassen sich weder hier noch anderswo mit Sprachregeln beseitigen – im Zweifelsfall können sie dazu beitragen, den Kampf für mehr Gleichheit zu untergraben. Und wenn die emotionale Bindung von Arbeitern zum Unternehmen auf diese Weise gefördert werden soll, ist gerade auch das bloß ein billiges Mittel.
Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Teil 4: Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Es ist uns allen vertraut. Was zugänglich wirken soll, wird lockerer, persönlicher, schneller. Der Ton in Podcasts, sozialen Medien und zunehmend auch in klassischen Medien ist informeller geworden, Distanz wird abgebaut, Nähe versprochen. Das hat unbestreitbare Vorteile. Es kann Schwellen senken, Menschen ansprechen, die sonst nicht erreicht würden, und Kommunikation weniger steif machen. Doch der Gewinn hat eine Kehrseite. Wo alles auf Leichtigkeit und Anschlussfähigkeit getrimmt wird, geraten andere Maßstäbe unter Druck. Genauigkeit, Tiefe, Ernst, Geduld. Frankreich hat auf diese Entwicklung eine bemerkenswerte Antwort gefunden. Mit der Éducation aux médias et à l’information (EMI) ist Medien- und Informationskompetenz seit 2015 verbindlich im Pflichtlehrplan verankert. Und zwar nicht als Randthema, nicht als freiwilliges Zusatzangebot, sondern als fester Bestandteil schulischer Bildung und über alle Jahrgangsstufen hinweg. EMI ist mit Bürger:innenschaftsbildung und kultureller Bildung verbunden. Dahinter steht ein bildungspolitischer Gedanke. Wer an der Öffentlichkeit teilhaben soll, muss lernen, sie zu lesen.
Guter Umgang/Hauptsache authentisch?
Teil 5: Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
„Das war einfach zu viel. Du weißt, du musst meine Entscheidung akzeptieren. Oder es wird noch viel unschöner enden.“ Sie schaut mich an. „Es tut mir leid.“ Es tut ihr leid? Am Arsch tut es ihr leid. Ich hasste alles an ihrem Vortrag. Die kurzen Sätze. Die betonten, vorgeschobenen Emotionen. Dass sie mich duzt. „Noch einmal“, beginne ich, „ich habe lediglich, wie es meiner Zunft, der Wissenschaft, alter Brauch und Sitte ist, meine Vorlesung auf mehr als eine Stunde ausgedehnt, da ohne den entsprechenden Kontext der Komplexität des Themas nicht genügend Rechnung getragen würde.“ Die Dekanin zuckte bei den Wörtern „Kontext“ und „Komplexität“ sichtlich zusammen.
Ihre choices-Redaktion

Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Benimm dich!
Teil 1: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 1: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 1: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 2: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 2: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 3: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse