
choices: Frau Weber, was bedeutet es heutzutage, von Literatur zu leben?
Nina Weber: Das kommt darauf an, wie man Literatur sieht. Wer Geld verdienen möchte, muss in der Regel in eine andere Richtung gehen als jene, die sich in ihren Texten verwirklichen und ihr Traumbuch schreiben wollen. Vor allem müssen erstere Bücher in immer schnellerer Taktung veröffentlichen. Das sieht man etwa bei Rebecca Yarros, der Autorin von „Fourth Wing“: Trotz sechs Kindern und einer schweren Erkrankung hat sie jedes Jahr ein dickes Buch veröffentlicht, bis sie schließlich für zwei Jahre pausieren musste, weil sie einfach nicht mehr konnte. Der Druck aus den sozialen Medien war aber so groß, dass sie jetzt doch das nächste Buch geschrieben hat. Als Autorin und Lektorin finde ich das beklemmend. Haben die Geschichten dann noch die Zeit, überhaupt zu wachsen?
Ich bemerke häufig Autorinnen und Autoren, die drei Bände im Jahr herausbringen müssen, weil sie sonst von der Bildfläche verschwinden.
Genau. Da wird ein dickes Buch geschrieben, lektoriert und veröffentlicht, und die erste Reaktion in den Sozialen Medien lautet: „Wann kommt das nächste?“ In gewisser Weise ist das ja ein Kompliment, weil das bedeutet, dass manche Fans das Buch in einem einzigen Tag verschlungen haben. Andererseits führt es dazu, dass Übersetzungen zunehmend mit der heißen Nadel gestrickt werden, damit die Bücher im englischsprachigen und im deutschen Sprachraum nahezu zeitgleich erscheinen können – manche Verlage sollen dafür sogar auf KI zurückgreifen. Auf jeden Fall leidet die Qualität. Außerdem fokussieren sich Verlage zunehmend auf aktuelle Trends in den Sozialen Medien, vor allem bei Booktok. Da beschleicht einen als Fan eines bestimmten Sub-Genres wie z.B. Romantasy dann das Gefühl, das Autorinnen und Autoren vom Verlag nahegelegt wird, aus ihrem bisherigen Genre in das aktuell angesagte zu wechseln. Das ist aus Lesersicht nicht immer eine gute Entscheidung.
„Haben die Geschichten überhaupt noch Zeit, zu wachsen?“
Da Sie die KI schon angesprochen haben: Welche Rolle spielt sie derzeit im Verlagswesen?
Ich bin selbst nicht mehr in einem Verlag tätig, aber ehemalige Kolleginnen und Kollegen geben ganz unterschiedliche Antworten, wie in ihrem Haus damit umgegangen wird. Außer Frage steht, dass die Technologie an Relevanz gewinnt: Anfang des Jahres hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum zweiten Mal eine Umfrage zur Bedeutung von KI bei Verlagen durchgeführt. Während 2025 nur rund neun Prozent diese als hoch einschätzten, sind es in diesem Jahr 31 Prozent. Viele Lektorinnen und Lektoren sehen das skeptisch. Auch gut gepromptete [mit Arbeitshinweisen angeleitete; d. Red.] KIs machen beim Schreiben oder Korrigieren Fehler, die eine Texterin oder Lektorin auszumerzen lernt. Diese Texte sehen auf den ersten Blick zwar stilistisch glatt aus, haben aber Schwächen, die den Lesefluss stören, besonders, wenn ein Roman oder ein Sachbuch über Hunderte von Seiten geht. Viele, die jetzt mit KI arbeiten, sehen dagegen nur, dass der Text besser ist als das, was sie vorher selbst zustande gebracht haben. Ihnen fehlt die kritische Perspektive eines Texters oder Lektors. Ein Beispiel aus der Belletristik: Die KI vermittelt oft Wahrnehmung über Formulierungen wie „Sie sah“ oder „Sie hörte“. Natürlich sieht und hört der Charakter das, sonst stünde es nicht im Roman. Wer es aber so offenkundig und vor allem ständig in den Text einfügt, reißt den Lesenden aus dem Lesefluss. Das kann man der KI im Moment auch mit guten Prompts schlecht abtrainieren. Außerdem deutet sie gerne Geheimnisse oder geplante Konflikte mit dem Holzhammer an: Hat ein Charakter ein geheimes Eigenleben, hält die KI das Schweigen nicht aus und betreibt ständig plumpes Foreshadowing [Andeuten künftiger Entwicklungen; d. Red.]. Dadurch verliert ein Roman an Spannung.
„Verlage fokussieren sich zunehmend auf aktuelle Trends“
Viele Menschen sprechen von Lektorat und meinen eigentlich Korrektorat. Dabei umfasst Ersteres ja sehr viel mehr. Worin liegt die Relevanz eines guten Lektorats?
Beim Wort „Korrektorat“ zucke ich als Lektorin innerlich zusammen, weil es sich um zwei komplett getrennte Bereiche handelt, die leider immer mehr in Personalunion verdichtet werden. Ein guter Korrektor arbeitet ganz anders mit dem Text, im besten Sinne wie ein kleiner Roboter. Er erkennt zum Beispiel, wenn ein Autor auf Seite 5 ein Wort, für das es mehrere Schreibweisen gibt, anders geschrieben hat als auf Seite 112. Ich arbeite stattdessen auf der inhaltlichen und stilistischen Ebene und steige oft schon in der Konzeptphase ein, indem ich unter anderem mit dem Autor abklopfe, wie genau die Zielgruppe aussieht und was das für den Zuschnitt bedeutet. Liegt ein Manuskript vor, gehe ich über den Text. Wie ist er stilistisch? Stimmt die Struktur? Nimmt der Text die Lesenden mit? Oder bei einem Sachbuch: Verliert der Autor beziehungsweise die Autorin die Zielgruppe zwischendurch aus den Augen?
Und die KI macht Ihre Aufgabe schwerer?
Einen KI-geschriebenen oder wahrscheinlich auch KI-übersetzten Text so zu verbessern, dass er nicht nach KI klingt, ist mehr Arbeit für eine Lektorin. Ein Autor, der nicht perfekt schreiben kann, aber beim Sachbuch Experte für sein Thema ist, ist mein täglich Brot. KI-Texte wirken zunächst vielleicht „perfekter“, stilistisch glatter. Aber dann stellt man fest, dass sich der Text mitunter Seite um Seite dreimal im Kreis dreht und trotzdem am Wesentlichen vorbeirutscht. Typische KI-Wendungen schwingen selbst in einem gut geprompteten Text noch leise mit, von einem schlecht geprompteten ganz zu schweigen. Man ist also im Lektorat im ersten Durchgang damit beschäftigt, die KI-Spuren zu tilgen, Argumentationen und Fakten zu prüfen und mehr „Fleisch“ an den Inhalt zu bringen. Ich traue mir zu, auch daraus ein lesbares Buch zu machen, nehme dafür aber mehr, weil der Aufwand deutlich größer ist.
„KIs machen Fehler, die eine Lektorin auszumerzen lernt“
Wie verändert sich derzeit der Buchmarkt, unabhängig von der KI? Ist das klassische Buch im Niedergang begriffen?
Nein, das sicherlich nicht. Der Trend zum schön gestalteten Buch ist ganz im Gegenteil ungebrochen: Hardcover mit Farbschnitt, vielleicht mit einem besonderen Einband und einem schönen Design im Innenteil – kurzum alles, was ein Buch richtig attraktiv macht, spielt für die Vermarktung eine große Rolle. Dabei spielt auch mit hinein, dass Lesende, aber auch aktive Mitglieder der Sozialen Medien das besprochene Werk gerne in die Kamera halten wollen, wenn sie davon sprechen. Plattformen wie Booktok und Bookstagram sind für Verlage und Autoren zentrale Multiplikatoren, und das ist auch gut so. Die Diskussion, welches Medium besser ist, finde ich dagegen müßig. Hauptsache, jemand liest überhaupt noch.
Dabei ist es einfacher als jemals zuvor, ein Buch zu veröffentlichen. Wie spielt das Selfpublishing [Veröffentlichung ohne Verlag; d. Red.] in das traditionelle Verlagsgeschäft hinein?
Ich bin da gespalten. Schon früher gab es zahlreiche Autorinnen und Autoren, die ihre Bücher selbst haben setzen und für viel Geld drucken lassen, wenn sie nicht an den „Torwächtern“ in den Verlagen vorbeikamen. Ich habe selbst in einem solchen gearbeitet und bin dort als Volontärin ausgebildet worden. Bei vielen Sachen ist es gut, dass es eine Qualitätskontrolle gibt und jemand sagt: „Das sollte man nicht auf die Lesenden loslassen.“ Aber die Verlage können nur eine begrenzte Anzahl Titel veröffentlichen. Da werden auch Bücher abgelehnt, die später zu Bestsellern werden. Das Label „Selfpublisher“ sagt daher nichts darüber aus, ob ein Autor gut schreibt. Relevant ist meiner Meinung nach Talent und ob jemand auch in ein gutes Lektorat investiert. Wenn ja, kann das Buch einem Verlagsbuch in nichts nachstehen.
Gleichzeitig sinken die Auflagen der großen Häuser seit Jahren.
Das ist auch ein Grund, warum ich mich inzwischen stärker Richtung Businessbücher, Buchkonzeption und Lektorat gewendet habe. Für dieselbe Art Buch sollte ich als Autorin plötzlich einen Bruchteil des Honorars von Verlagen bekommen, weil dessen Höhe unter anderem an der geschätzten Erstauflage hängt.
„Jugendliche lesen Statistiken zufolge mehr als ihre Eltern“
Wird also insgesamt weniger Literatur konsumiert?
Bei Erwachsenen sehen die Zahlen tatsächlich nicht so gut aus. Leute, die noch vor zehn Jahren regelmäßig Romane gelesen haben, nutzen jetzt höchstens noch Online-Zeitungen und rutschen immer mehr Richtung Youtube, Instagram, Tiktok und Netflix ab. Schön finde ich dagegen eine Entwicklung, die sich in verschiedenen Statistiken zeigt: Demnach lesen Jugendliche mehr als viele ihrer Eltern. Ich sehe bei meiner ehrenamtlichen Arbeit in einer Bibliothek, dass vor allem Booktoker und Bookstagrammer die jüngeren Generationen wieder an Bücher heranführen. Das gibt mir Hoffnung.
Was würden Sie sagen: Was von diesen Entwicklungen wird weitergehen, und was ist in zwei, drei Jahren vielleicht obsolet?
Bei der KI ist eine Prognose schwierig. Ich dachte zum Beispiel immer, dass sich das, was ich an der Qualität kritisiere, relativ schnell bessern wird. Insofern hat es mich überrascht, dass der Trend dieses Jahr eher rückwärts läuft. In einem Texternetzwerk, in dem ich bin, hatten etliche Kolleginnen und Kollegen ihre Kunden an KI verloren. Jetzt, nach einem Jahr, sind die ersten wieder zurückgekommen, in einem Fall weil sie feststellten, dass sie auf einmal exakt wie ihre größte Konkurrenz klingen – vermutlich weil beide unabhängig voneinander nur noch mit KI gearbeitet haben.
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