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Spanien begreift Literatur als öffentliches Anliegen
Foto: umerawanpk/Adobe Stock

Lesen als Bürgerrecht

29. Oktober 2026

Gegen die Lesekrise – Europa-Vorbild Spanien

Spanien hat 2026 seinen neuen Leseplan vorgestellt: „¡Leer es un derecho!“, Lesen ist ein Recht. Der „Plan de Fomento de la Lectura 2026–2030“ umfasst einhundert Maßnahmen in fünf Feldern: Zugang, Bibliodiversität, Lesen und Gesundheit, Kindheit und Jugend sowie Internationalisierung. Das Budget beträgt 82,7 Millionen Euro. Doppelt so viel wie im Vorgängerprogramm 2021–2024.

Kulturminister Ernest Urtasun betonte bei der Präsentation, Lesen sei nicht länger nur eine Gewohnheit, sondern ein „essenzielles Bürgerrecht“ für eine „stärkere Demokratie“. Der Plan ist damit mehr als eine Sammlung von Förderprogrammen. Er positioniert Lesekompetenz als öffentliche Infrastruktur, vergleichbar mit Gesundheitsversorgung oder digitaler Teilhabe.

Fünf Achsen, ein Ziel

Die erste Achse richtet sich auf den Zugang. Programme für ländliche Gebiete, Gefängnisse und benachteiligte Gruppen, Ausbau des digitalen Bibliotheksdienstes eBiblio und eine stärkere Vernetzung mobiler Bibliotheken. Die zweite Achse widmet sich der Bibliodiversität und der Nachhaltigkeit. Etwa durch eine nationale Lesekampagne, einen Kongress zur Leseförderung und die Unterstützung „grüner“ Modernisierung von Buchhandlungen.

Besonders innovativ ist die dritte Achse. Lesen und Gesundheit. Hier sollen Kinder- und Jugendärzte, Gesundheitspersonal und Kliniken einbezogen werden, um Lesen als Instrument für mentale Gesundheit zu etablieren. Zum Beispiel durch Leseförderung in Wartezimmern und Kooperationen mit Fachinstitutionen. Die vierte Achse richtet sich an Kinder und Jugendliche. Social-Media-Kampagnen, Comic-Ecken in Bibliotheken und die Zusammenarbeit mit einflussreichen jungen Stimmen auf sozialen Medien. Die fünfte Achse schließlich zielt auf Internationalisierung. Das bedeutet Übersetzungsförderung, Präsenz auf internationalen Messen und die Positionierung Spaniens als Brücke zwischen Iberoamerika, Europa und dem Mittelmeerraum.

Buchmesse Liber: Der Plan wird konkret

Auf der internationalen Buchmesse Liber 2026 in Barcelona wurde der Plan erstmals einem breiten Fachpublikum vorgestellt. In der Session „Reading Is a Right: Reading Promotion Plan 2026–2030“ erläuterte Jesús González, stellvertretender Generaldirektor für Buch-, Lese- und spanische Literaturförderung, die konkreten Umsetzungsmechanismen.

Die Messe selbst spiegelte die Bandbreite des Plans wider. Neben Panels zu KI, Urheberrecht und Nachhaltigkeit gab es eigene Formate zu Kinder- und Jugendliteratur, Hörbüchern und barrierefreiem Publizieren. Besonders bemerkenswert war ein Workshop zu Übersetzungsförderung und ein weiterer zu Verlagszuschüssen, die direkt vom Kulturministerium organisiert wurden. Der Plan wird also nicht nur angekündigt, sondern aktiv in den Markt kommuniziert.

Warum das für Deutschland relevant ist

In Deutschland wird Leseförderung oft als Bildungsthema behandelt und im Föderalismus zerrieben. Spanien zeigt einen anderen Weg. Kulturpolitik greift direkt in den Buchmarkt ein, indem sie Nachfrage (Veranstaltungen, Leseförderung für Kinder), Infrastruktur (Bibliotheken, eBiblio) und Produktion (Übersetzungen, unabhängige Buchhandlungen) gleichzeitig stärkt.

Gerade der stationäre Buchhandel, der europaweit über sinkende Umsätze klagt, profitiert von diesem Ansatz. Veranstaltungen in Läden, Leseförderung für Kinder und die Förderung unabhängiger Buchhandlungen adressieren genau die Schwachstellen. Die Frage bleibt, ob rund 83 Millionen Euro über fünf Jahre ausreichen, um strukturelle Probleme, sinkende Lesekompetenz, digitale Ablenkung und soziale Ungleichheit wirklich zu wenden.

Ein Test für Europa

Spaniens Plan ist ein Experiment. Kann staatliche Kulturpolitik den Buchmarkt retten, ohne ihn zu verzerren? Die Antwort wird sich in den kommenden Jahren zeigen, aber die Richtung ist klar: Lesen wird nicht mehr als privates Hobby behandelt, sondern als öffentliches Gut.

Für Deutschland, wo ähnliche Debatten über Lesekompetenz, Buchhandelskrise und Bildungsgerechtigkeit geführt werden, liefert Spanien ein konkretes Gegenmodell. Zentral koordiniert, langfristig finanziert und breit angelegt. Ob dieses Modell Vorbildcharakter hat oder ein spanischer Sonderweg bleibt, entscheidet sich daran, ob die hundert Maßnahmen tatsächlich wirken und ob andere Länder nachziehen.

Inés Carrasco

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