
PISA-Studien schlagen schon lange Alarm in Bezug auf die Lesekompetenz von Schüler:innen in Deutschland: Seit 2015 sinkt sie kontinuierlich, im September 2026 lag sie auf dem historisch niedrigsten Stand. Die Gründe werden oft im Schulsystem gesucht: zu wenig Ressourcen, um benachteiligte Kinder zu fördern. Darin mag ein Teil der Lösung liegen – gleichzeitig gibt es bereits viele Strukturen, die Lesekompetenzen fördern, von der fest im Stundenplan verankerten Lesezeit, bis hin zu Lesepaten, die einzelne Kinder unterstützen. Zudem wurde mit dem 20 Milliarden Euro schweren Startchancen-Programm eine weitere Möglichkeit zur Förderung von benachteiligten Schüler:innen geschaffen. So wichtig diese Strukturen sind: Nicht alles kann von ohnehin überlasteten Lehrkräften aufgefangen werden. Stattdessen muss eine mögliche Ursache für den Rückgang der Lesekompetenz in den Blick genommen werden: die Sozialen Medien.
Social-Media-Gehirne
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher nennt Social Media als möglichen Grund für den Rückgang der Lesekompetenz bei Jugendlichen: Durch das schnelle Überfliegen vieler Posts werde es schwieriger, sich auf längere Texte zu konzentrieren. Es gibt wohl kaum einen Erwachsenen mit Smartphone, der diese Erfahrung nicht schon selbst gemacht hat. Bloß: Bei Kindern und Jugendlichen ist das Gehirn nicht vollständig entwickelt, eine hohe Bildschirmzeit und Nutzung von Social Media kann die Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen.
Smartphone-Babys
Dennoch wird oft schon Babys ein Smartphone in die Hand gedrückt, um sie ruhigzustellen. Viele Kinder bekommen zudem bereits in der Grundschule ein eigenes iPad oder Smartphone. Klar, dass Bücher so immer uninteressanter werden – schließlich sollen die bunten Bildschirme, auf die wir ständig starren, süchtig machen, während lesen (lernen) Zeit und Muße erfordert.
Digital überrollt
Zwar gibt es von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Leitlinien für Bildschirmzeiten. Für Kinder unter drei Jahren etwa lautet die Empfehlung, sie von „jeglicher passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien“ fernzuhalten – einschließlich des ständigen Scrollens der Eltern im Beisein des Kindes. Wie realistisch ist das in einer Welt, in der es nicht einmal vielen Erwachsenen gelingt, ihre eigene Smartphone-Sucht in den Griff zu bekommen? Und das nicht, weil wir alle willensschwache Wesen sind – sondern weil wir von einem digitalen Zeitalter überrollt werden, das sich zu schnell entwickelt, als dass alle Konsequenzen klar und geeignete Gesetze sogleich zur Hand sein könnten.
Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche wieder gut und gerne lesen, müssen wir unseren Umgang mit Smartphones überdenken. Für Alkohol- und Zigarettenkonsum gibt es nicht nur Leitlinien, sondern klare Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Die Umsetzbarkeit solcher Verbote scheint vielleicht schwierig, doch wer konnte sich in den 1960ern, als in sämtlichen öffentlichen Räumen noch geraucht wurde, schon vorstellen, dass das einmal komplett verboten sein würde?
Um Kindern den Zugang zu Geschichten und Büchern wieder zu erleichtern, braucht es ein gesellschaftliches Umdenken. Es braucht Studien, die Zusammenhänge eindeutig belegen, es braucht entsprechende Gesetze; der EU-Kids-Act ist ein guter Anfang, geht aber nicht weit genug. Und es braucht einen niedrigschwelligen Zugang zu Büchern, etwa über regelmäßige Büchergeschenke, die strukturell verankert vergeben werden und eine echte Alternative zum Bildschirm bieten.
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