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29. Oktober 2026

Literatur und Bildung als Events der Leistungsgesellschaft – Glosse

Die Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen: So kann es nicht weiter gehen. Die Schreib- und Lesekompetenz hat abgenommen! Die Jugend, dieser Begriff wie geschaffen als Projektionsfläche für Untergangsphantasien all jener, die ihr neidig nicht mehr angehören, sie liest nicht mehr. Der klassisch-humanistische Bildungskanon, er scheint zu verblassen. Was für eine Kränkung für ein Land der Dichter und Denker. Zum Ausgleich wird es zum Land der (moralischen) Richter und Henker. Gendern wäre hier nahezu postfaktisch.

Im Furor der Empörung besteht die Gefahr, dass sowohl die angemessenen Kritikpunkte als auch die Ursachenforschung dabei vergessen werden. Wie sinnvoll jedoch ist Konkurrenz- und Leistungsdenken, wenn es um Lesen und Bildung gehen soll? Wird bei dem Herantragen solcher immer auch willkürlichen Parameter eigentlich noch nachgedacht? Verantwortlich sind in jedem Fall immer die anderen: Bildung ist Ländersache. Der Bund unterstützt sie aber nicht gut genug. Die Jugend will einfach nicht (mehr).

Einigkeit vs. Leistungsgesellschaft

Alle Jahre grüßt dabei eine Reinform des entwertenden Chauvinismus, wenn sie in Bayern oder Sachsen auf jene aus Bremen oder NRW herunterschauen. Da hält man sich für prinzipiell Hochbegabt und die anderen für grenzdebil. Das Pisa-Event als Spaltungsphänomen: Einigkeit vs. Leistungsgesellschaft kann nicht einmal eine paradoxe Intervention auflösen. Recht und Freiheit schon mal überhaupt nicht.

Chauvinismus durchzieht zudem sowohl die Idee eines als auch den Inhalt des klassisch-humanistischen Literaturkanons. Hervorstechende Qualität scheint tot, weiß und männlich gewesen zu sein. Ab von dieser korrekten wie müden – weil essentialistischen – Kritik, bleibt ein inhaltlicher Beigeschmack: Wie schablonenartig und tendenziell minderwertig sind Frauenfiguren in Werken z.B. des 19. Jahrhunderts häufig dargestellt. Ganz zu schweigen von sogenannten Minderheiten. Die großen menschlichen Fragen und Themen wie Moral, Freiheit, Liebe, Tod, Natur des Menschen – sie sind zeitlos. Jedoch nicht die Lebenswirklichkeit der Lesenden.

Bewusstsein und Literatur

Das soll nicht heißen, das Werke von beispielsweise Goethe oder Shakespeare nicht lesenswert wären. Obgleich ihr Kosmos begrenzt ist: Eine eurozentrische Welt mit einer mehr oder weniger feudalen Ordnung. In der Globalität des 21. Jahrhunderts ist das ein Anachronismus. Wenn ein Literaturkanon etwas mit Bewusstsein zu tun hat, dann muss er sich wandeln. Wie jenes der Schreibenden, der Lesenden.

Damit er das tut, dafür gibt es Buchmessen und -preise, Lesewettbewerbe. Ein Event jagt das nächste, Bestsellerlisten werden wohl bald als Liveticker geführt. Das kaum objektivierbare wird scheinbar objektiviert, im Zweifelsfall bestimmt der Absatz – ob getrieben durch Quartette im TV oder Videos auf Tiktok ist unerheblich. Wer dem Literaturbetrieb folgt begibt sich in Burnout-mäßige Fahrwasser. Ein Betrieb, der etwas verkaufen will, ständig verkaufen muss, das Unmengen an Zeit braucht, das Ruhe braucht, das ein Gebrauchs- und kein Verbrauchsgegenstand ist. Ein Widerspruch?

Lesen ist aus der Zeit gefallen

Doch es gibt eine Auflösung: Hörbücher und Podcasts. Frei nach dem Motto „zwei Fliegen mit einer Klappe“ kann man beim Hören noch das Klo putzen, den Abwasch machen. Lesen ist einfach zu zeitintensiv. In einer Welt, in der es aus allen Ecken blinkt, summt, brummt, klingelt und gefühlt jede:r Zweite eine AD(H)S-Diagnose hat, ist Lesen völlig aus der Zeit gefallen. Lieber Achtsamkeitsmeditationen, das wirkt zeitökonomischer. Dafür gibt’s Podcasts.

Und Zeit ist Geld: Wer hat diese noch in einer karriereorientierten Gesellschaft im andauernden Fomo-Modus, der Angst, etwas zu verpassen? Ist es überhaupt wünschenswert, die Gefahr bestünde, dass Lesen (gesellschafts-)kritisch macht. Nun ja, die Gefahr ist vielleicht gering, denn dieses kulturelle Kapital hat der Soziologe Pierre Bourdieu schon ganz richtig bei den Höhergestellten vermutet, die an dieser Stellung nicht wirklich etwas ändern wollen: Salonsozialist:innen. Literatur und Lesen kommt von der Aristokratie, wie alle Kunst und Kultur. Heute leistet sich das (gehobene) Bürgertum diese Muße. Den Kindern Vorlesen kann im Zweifelsfall noch das Au-pair.

Sichere Untergangsphantasien

Selbstverständlich haben es Dichterinnen und Denker aus weniger begüterten Kreisen nach oben geschafft – auch dies ein Event für bürgerliche Leistungsfans. Event-Genre: Gutmensch. Wie war das noch mal mit der Ausnahme und der Regel? Die Regel ist, sich je nach Event über Kultur- und Leistungsverfall zu beklagen, in Ausnahmefällen ändert sich was, aber nicht so viel, als dass man die Sicherheit der Untergangsphantasien und eigenen Empörung preisgeben müsste.

Für wahrhaftige, nachhaltige Änderungen bräuchte es wohl mehr als diese Spielchen. In Frankreich proben Schüler:innen den Aufstand, ganz im Geiste ihrer studentischen Ahnen und Ahninnen in Paris 1968. An den Wänden der Universität Sorbonne stand damals: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Versucht wurde es nie. Man gäbe die Sicherheit des eigenen konjunkturellen Furors preis.

Paul Tschierske

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