
Das Gründungsteam des Literaturdistrikt-Festivals setzt sich zusammen aus Semra Uzun-Önder, Filiz Doğan und Johannes Brackmann. Fatma Uzun, Semras Schwester, die damals noch Studentin war, war zuerst nur am Rande dabei und stieg über die Jahre immer mehr ein. Ziel der Gründer:innen war es, dem Klischee türkischer Migration neuen Blickwinkel entgegenzusetzen – ganz gleich, welcher Herkunft die Autor:innen sind. Das Festival ist längst ein wichtiges Projekt für Autor:innen mit Migrationshintergrund.
Vom Literatürk zum Literaturdistrikt
Seit der Gründung im Jahr 2005 hat sich vieles verändert: Das Festival ist gewachsen, die Gesellschaft sprachlich vielfältiger geworden. Ursprünglich hieß das Festival Literatürk. Der Name habe das Programm thematisch eingeengt, erzählt Semra. Immer wieder sei sie gefragt worden, ob man auch kommen dürfe, wenn man nicht türkisch ist. Die jährlichen Mottos seien dagegen der Weg gewesen, das Programm über die ursprünglichen Schwerpunkte hinaus zu öffnen, beispielsweise „Haste mal ‘ne Zukunft“ (2020) oder „War was?“ (2021). Diese Offenheit drückt sich auch in der Umbenennung des Festivals in Literaturdistrikt im Jahr 2022 aus.
Auch Literatur von deutschsprachigen Autor:innen mit anderen Herkunftssprachen etablierte sich auf dem Festival. Dieses Phänomen wurde als „Bindestrich-Literatur“ benannt und stellte ein Zwischenstadium dar, in welchem die betroffene Literatur zwar nicht mehr als türkische Literatur benannt wurde, jedoch ebenso nicht als deutsche Literatur galt.
Der Weg in die Unabhängigkeit
Das Festival hat viele Etappen durchlaufen. Zu Beginn hatte es einen externen Träger, das Kulturzentrum Grend in Essen. Mittlerweile ist es der Kulturdistrikt e.V., der vom Team gegründet wurde, um das Festival unabhängig zu gestalten.
In der Literaturszene waren migrantisch geprägte Stimmen lange unterrepräsentiert, sie hatten es schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Diese Lücke sei nach und nach geschlossen worden, erzählt Fatma, allerdings über die Themen Herkunft, Sprache und Identität. Das habe einen Preis: Autor:innen würden dadurch auf dieses Etikett festgelegt, ähnlich wie bei der „Quotenfrau“, über deren Qualifikation nicht mehr gesprochen werde. Dabei erzähle jede Literatur von Sprache, Herkunft und Identität, nur bekämen manche Autor:innen das Etikett und andere nicht.
Abseits des Etiketts
Das Literaturdistrikt-Festival setzt genau hier an: Es versteht sich als Brücke und als Bühne für Literatur, bei der es um das Buch geht und nicht um das Etikett. „Uns ist wichtig, dass wir Literaturen eine Bühne bieten, die die Gesellschaft so erzählen, wie sie tatsächlich ist. Das war damals schon so, und das gilt heute und in Zukunft.“
Das Schönste am Festival sind für die Gründerinnen zum einen die Begegnungen mit unterschiedlichen Autor:innen. Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk war einmal zu Gast. Besonders in Erinnerung geblieben ist Semra auch die Begegnung mit der israelischen Autorin Zeruya Shalev: Es sei schön gewesen, eine Autorin, deren Bücher sie so gern liest, persönlich kennenzulernen und sich mit ihr auf einer ganz persönlichen Ebene zu unterhalten. Zum anderen schätzen sie das Feedback des Publikums, das in der Regel sehr gut ausfällt.
Auf die Frage, was sie rückblickend anders machen würden, antwortet Semra, dass der Blick zurück wenig bringe. Wichtig sei, in der Gegenwart zu lernen und auch nach Fehlern weiterzumachen.
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