
Das Statistische Bundesamt erfasste 2012 und 2022 unser Lesevolumen: Lag das Lesen 2012 bei 32 Minuten täglich, waren es zehn Jahre später 5 Minuten weniger. Den höchsten Lese-Anteil haben Menschen ab 65. Junge Leser:innen zwischen 12 und 30 galten als Lesemuffel, kämpfen sich aber inzwischen dank Young- und New-Adult-Welle zurück. Und schon 2022 attestiert der Börsenverein: „Junge Menschen lieben gedruckte Bücher“. Es ist also noch nicht alles verloren! Zugleich allerdings macht die Entwicklung der Lesekompetenz Sorgen: Laut Kultusministerkonferenz sank zwischen 2015 und 2022 das Niveau der Neuntklässler im Bereich Lesen deutlich: Der Mensch vermag vielleicht noch zu lesen, aber er versteht nicht immer, was er da liest. Kein Wunder bei einem Schulsystem, das keine Zeit hat für Erklärungen und stattdessen vornehmlich das Kurzeitgedächtnis fordert. Die Pisa-Studie spiegelt inzwischen regelmäßig die Misere. Dass Lesekompetenz nichts mit Handlungskompetenz zu tun hat, beweist indes unsere Politik, die die Pisa-Auswertung regelmäßig mit Schulterzucken hinnimmt. Flankiert von einem mondän-autoritären Kulturstaatsminister, wird das natürlich nichts mit der Zukunft unserer einst stolzen Kulturnation.
Verlegers Gunst
Uns interessiert nun die Frage: Wie erreicht uns Kultur? Ältere Semester mögen sich erinnern: Im vergangenen Jahrhundert brachten Literat:innen ihre Werk noch vornehmlich mit der Schreibmaschine, wenn nicht gar handschriftlich zu Papier. Erlangte man anschließend die Gunst eines Verlags, dann übernahm der den ganzen Rest: Lektorat, Druck, Vertrieb und Marketing.
Dann aber kam das Internet, das E-Book, der E-Reader – und damit alles anders. Vorteil: Ich kann mein Werk jetzt selbst veröffentlichen. Nachteil: Alle können ihr Werk jetzt selbst veröffentlichen. Darüber hinaus muss man, wenn man sich den Verlag sparen will, sein Buch fortan selbst vertreiben. Das liegt nicht jeder Künstlerseele. Mit einem (un)gesunden Ego und einem Händchen für Social Media haben zugleich bereits so einige Karriere gemacht, von „Titans of Love“ bis „Fifty Shades“. Self-Publishing statt Verlag. Instagram statt Literaturzeitschrift. Tiktok statt Literarisches Quartett. Ach, und das gepflegte Lecktorat? Überbewertet.
Social Ego
Auf der Strecke bleiben, s.o., die, die sich nicht selbst vermarkten können. Und seien wir mal ehrlich:Was ist der Unterschied zwischen einem Künstler und einem Unternehmer? Genau: so manches. Und so profitieren Literat:innen bis heute von einem gestandenen Verlag und seiner Zuarbeit. Verlage in breiter Vielfalt, mitunter gebündelt in internationalen Unternehmensgruppen. Der Umsatz des Buchmarkts bleibt dabei konstant – ebenso konstant allerdings schrumpft der stationäre Buchhandel, sprich: die Anzahl unserer Buchläden.
Und die Zukunft? Nun, die hat sich mit KI an sich erledigt, oder? Welcher Autorenschaft soll man heute schließlich noch trauen? Andererseits gilt es, mit KI neue kreative Möglichkeiten zu entdecken. KI ist an sich vorerst nur ein weiterer Treiber im Gewerk. Unterm Strich jedenfalls hat sich die einstige Printbranche mitnichten in eine rein digitale aufgelöst – sie ist nur mehr multimedial. Und das gedruckte Buch wurde mitnichten durch digitale Medien abgelöst – der Buchmarkt wurde lediglich erweitert. Um neue Formate, um neue Vertriebswege. Neue Möglichkeiten, neue Herausforderungen. Und trotz alledem – der Wunsch bleibt: nach Haptik, Papier und Eselsohr. Das alles gibt’s im Buchladen um die Ecke. Noch. Also: Nichts wie hin!
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Wutbildung
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„Mit der heißen Nadel gestrickt“
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Lesen als Bürgerrecht
Gegen die Lesekrise – Europa-Vorbild Spanien
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Teil 2: Leitartikel – Über Naturschutz, Wirtschaft und politische Kurzsichtigkeit
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Teil 3: Leitartikel – Politik muss begreifen: Die Bevölkerung ist systemrelevant
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Zweifel der Gesellschaft
Teil 2: Leitartikel – Erinnerungskultur muss sich von Ritualen verabschieden
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Teil 3: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können
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Teil 1: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
Dubidu
Teil 2: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
Erst das Vergnügen
Teil 1: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
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Teil 2: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
Sanktionen schaffen keine Stellen
Teil 3: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
Die unmögliche Schule
Teil 1: Leitartikel – Lernen und Lehren zwischen Takt und Freiheit
Überwachen und Strafen
Teil 2: Leitartikel – Eine gesenkte Strafmündigkeit würde nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern zu mehr Kindern und Jugendlichen im Knast.
Jedem sein Kreuz
Teil 3: Leitartikel – Über Mündigkeit an der Wahlurne
Glaube und Geld
Teil 1: Leitartikel – Gegen den milliardenschweren Kulturkampf der rechten Christen hilft kein Beten
Die Gefahr im eigenen Zuhause
Teil 2: Leitartikel – Gewalt gegen Frauen nimmt zu und betrifft die ganze Gesellschaft
Lebensrealität anerkennen
Teil 3: Leitartikel – Schwangerschaftsabbrüche zwischen Strafrecht und Selbstbestimmung