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Pixel oder Wirklichkeit? Man kann durcheinanderkommen – nicht nur beim Maha Nakhon in Bangkok
Foto: Longfin Media/Adobe Stock

Um die Existenz spielen

28. August 2026

Teil 3: Leitartikel – Was Videospiele mit der Wirklichkeit zu tun haben

Gamer sind alles andere als unpolitisch: Aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung geht hervor, dass sich Videospiel-Enthusiasten überdurchschnittlich stark in demokratische Prozesse einbringen. 27 Prozent der Befragten, die sich selbst als Gamer bezeichneten, gaben an, im letzten Jahr an einer Demonstration teilgenommen zu haben – in der Gesamtbevölkerung waren es hingegen nur 14 Prozent. Auch das Vertrauen in die Demokratie ist unter Spiele-Fans etwas höher: 65 Prozent vertraten die Ansicht, dass das demokratische System in Deutschland gut funktioniert. Jeder zweite Gamer gab zudem an, mit Mitspielern über politische Themen zu diskutieren.

Politische Spielkultur

Diese Zahlen sollten nicht überraschen. Durch ihre Interaktivität sind Videospiele wie gemacht dafür, ein politisches Bewusstsein zu fördern: Die Handlungen sehr vieler Spiele stellen die Spieler immer wieder vor moralische Entscheidungen, erfordern Kompromisse, um Probleme zu lösen, in Multiplayer-Spielen kommt die Kommunikation mit echten Menschen hinzu. Die Zeiten von „Pong“ und „Pac-Man“ sind vorbei. Videospiele erschöpfen sich nicht in Spaß und Realitätsflucht.

Moralisches Dilemma

Es ist offenkundig, dass viele Videospiele gewalttätige Handlungen darstellen – das haben sie beispielsweise mit Filmen gemein. Wie diese Gewalt bewertet und rezipiert wird, ist damit aber noch nicht gesagt. Zwei besonders prägnante Beispiele: Die 2014 erschienene Überlebenssimulation „This War of Mine“ der polnischen 11 Bit Studios ist angelehnt an die Belagerung Sarajevos (1992-1996). Es zeigt das Kriegsgeschehen aus der Sicht von Zivilisten. Im 2013 erschienenen „Papers Please“ des US-amerikanischen Videospielentwicklers Lucas Pope übernimmt man die Rolle eines Beamten, der die Grenze eines totalitären Staats bewacht. Täglich ändern sich Einreisebedingungen, viele Migranten und Reisende haben nicht die verlangten Dokumente dabei, aber manchmal Bestechungsgelder, die der Protagonist beispielsweise für Miete, Heizen oder erkrankte Familienmitglieder verwenden könnte. Die Reflexion der eigenen Entscheidungen, ihrer Folgen für die eigene Existenz und die der anderen, ist diesen Spielen von Anfang an eingeschrieben.

Wut im Spiel

In „Minecraft“, einem der erfolgreichsten Videospiele überhaupt, hat die NGO Reporter ohne Grenzen im Jahr 2020 die „Uncensored Library“ eingerichtet. In dieser virtuellen „unzensierten Bücherei“ können Spieler regierungskritische Berichte aus aller Welt lesen, wohlgemerkt aus der echten Welt. Subversiv wurden Videospiele auch während der Covid-19-Pandemie genutzt: Während Ausgangsbeschränkungen fanden Kundgebungen der Menschenrechtsbewegung Black Lives Matter in Online-Spielen wie „Die Sims“ statt. Joshua Wong, ein führender Aktivist der Regenschirmbewegung Hongkongs, organisierte einen Protest über das Nintendo-Spiel „Animal Crossing“. Aus niedlichen Tieren wurden wütende Demonstranten.

Echtes Leben

Selbstverständlich ist ein Videospiel nicht gut, bloß, weil es politisch ist – oder schlecht, weil es nicht politisch ist. Und so sehr Spiele auch für politische Fragen sensibilisieren können, so sehr können sie auch Klischees verbreiten, etwa simpel gestrickte Heldenfiguren oder Geschichten aus der Perspektive der (historischen) Gewinner. Vergleichweise selten stehen Helden des Alltags oder Verlierer der Gesellschaft im Vordergrund.Nicht zuletzt setzen viele Spiele auf Konkurrenz und Leistung: Wer in der Hierarchie, beispielsweise von Online-Ranglisten, aufsteigen will, muss besser sein als die anderen Spieler. Ob solche Wettbewerbsstrukturen motivierend oder doch eher toxisch sind, ob es nicht mehr alternative Spielkonzepte bräuchte, ist diskutabel. Eines jedoch steht außer Frage: Videospiele sind durchaus dazu in der Lage, politische Botschaften zu senden. Ob und wie sie ankommen, liegt aber bei den Spielern. Wie im echten Leben.

Tim Weber

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