
12. Januar
Vorhin legte ich meine Switch beiseite und stieg aus der wohlig-warmen H20-Welt meiner Badewanne hinaus in die unfreundliche kalte Sphäre außerhalb des Keramikbottichs. Kein Wunder also, dass ich mich schnellstmöglich auf die Suche nach Wärmequellen oder nach Möglichkeiten, die Körperwärme da zu behalten, wo sie herkommt, machte. Vor allem um meine empfindlichen Füße sorgte ich mich sehr, denn ich spürte bereits, wie sie sich der Kälte hingaben. Ein Lächeln umschmeichelte mein Gesicht, als ich meine flauschigen, warmen Puschen in meinem Zimmer fand. Ich zog sie also an und setzte mich in meinen PC-Sessel – wo ich bemerkte, dass meine Füße sich ob einer fehlenden Umpuschelung weiterhin der Kälte prostituierten. Da habe ich gemerkt, dass man sich mit Dingen nicht automatisch ausrüstet, nur indem man drüberläuft. Diesen Zwischenfall führe ich auf die mir eigene allgemeine Verwirrtheit zurück und lege ihn als Lappalie ad acta.
16. Januar
Die Tage trat ich nach längerem Aufenthalt in meinem auf angenehme achtzehn Grad temperierten Kellerzimmer hinaus ins Freie. Etwas später stand ich vom Boden auf, auf dem ich mich gekrümmt habe, sobald die Strahlen der grellen Abendsonne meine Augen getroffen hatten. Die Sonne muss es gewesen sein, oder auch die so genannte Frischluft, die anschließend in mir einen Anflug von Kindlichkeit auslöste. Also rannte ich breit grinsend, mit einem großen Schnoddertropfen an der Nase, auf den Kirschbaum im Garten zu. Mit voller Stamina-Leiste und einer unerklärlichen Sehnsucht im Herzen, in beigekariertem Hemd, kurzer Hose mit Hosenträgern und einem dieser drolligen bunten Käppchen mit Propeller obendrauf, beschleunigte ich meine Schritte, drückte mich vom Boden ab und landete mit beiden Füßen auf dem untersten Ast des Baumes.
Dort stand ich dann. Für etwa eine Tausendstelsekunde. Sofort glitten meine Füße in entgegengesetzte Richtungen auseinander, und mein Körper folgte widerstandslos den Forderungen der Schwerkraft. Das führte dazu, dass gewisse Körperteile von mir, die, wenn sie denn schon irgendwo landen müssen, es wenigstens möglichst sanft tun sollten, sehr unsanft auf dem Ast landeten. Dieser Ast diente meinem Körper als Achse, um die er sich drehen konnte. Dank der hervorragenden Physik-Engine des Planeten Erde tat er das auch physikalisch korrekt, zunächst langsam, dann schneller werdend. So schnell, dass eine 360°-Drehung in den Bereich des Machbaren gerückt wäre, hätte der harte Boden meines Körpers kühnes Spiel mit der Schwerkraft nicht schon nach einer Dritteldrehung ein Ende gesetzt. Mit – nach subjektivem Empfinden – enormer Wucht erreichte ich mit dem Kopf voran den Boden, auf dem ich vorerst liegen blieb.
Irgendwann wachte ich auf. Geschlafen habe ich nicht, nur dagelegen mit geschlossenen Augen und unendlichen Schmerzen im ganzen Leib. Mit Trefferpunkten längst jenseits des kritischen Bereichs sah ich schon den Game-over-Bildschirm des Lebens vor meinem geistigen Auge. Life over sozusagen. Ich wartete auf die Credits. Oder darauf, dass das Spiel mich zum letzten Autosave zurücksetzt. Wartete. Wartete.
Ich kam zu dem Schluss, dass die Credits wohl nicht kommen würden und dass ich mir den Game- over-Bildschirm wirklich nur eingebildet haben musste. Ohne HUD ist es halt schwer zu sagen, wann das Ende gekommen ist. Aber ach, ich Idiot. Wer hat denn heute noch Game over und Credits? Ich muss doch bloß respawnen. Gesagt, getan … geschrien. Ich wurde mir meiner Schmerzen bewusst und beschloss, etwas dagegen zu unternehmen, denn angenehm war das nicht. Immer noch nicht fähig zu laufen, kroch ich ins Haus zurück. Zahlreiche Minuten später führte eine Spur aus Dreck, Blut und Urin vom Kirschbaum in die Küche, in der ich mit letzten Kräften und abermals schwindenden Sinnen auf den Tisch zu klettern versuchte. Endlich oben angelangt, schleppte ich mich über die Obstschüssel hinweg. Meine Verfassung, die sich nicht besserte – tatsächlich fühlte ich mich immer noch immer schlechter – rief mir in Erinnerung, was ich vor drei Tagen erfahren, aber schnell wieder vergessen habe: Der gewünschte Effekt eines Items tritt im Real Life nicht durch Drüberhinwegbewegen ein. Kurz zögerte ich, dann griff ich unsicher nach einem Apfel und führte ihn zitternd zum Mund. Ich biss rein, einmal, widerwillig, zweimal. Es schmeckte ganz anders als Pizza. Die Schmerzen wurden nicht weniger. Also aß ich sogar noch eine Banane, doch es half nichts. Schließlich wurde mir schwarz vor Augen.
17. Januar
Das Obst hat wohl nichts gebracht. Vielleicht vermag ja nur Hähnchen, Wunden zu heilen. Ich bin mit einem Verband um den Kopf in einem Krankenhausbett aufgewacht. Dabei hätte ich schwören können, dass ich gestern gespeichert hatte. Es ist schrecklich langweilig hier. Ich glaube, ich werde flüchten. Questlog aktualisiert: Krankenhaus verlassen, Gesundheit auf 100 Prozent bringen, herausfinden, warum Äpfel keine Lebenspunkte aufladen.
18. Januar
Mein Fluchtversuch ist gescheitert. Eine Schwester hat mich heute Nacht den Gang entlangschleichen sehen und hat mich mit Gewalt wieder ins Bett gezerrt. Dabei war ich doch bestimmt zehn Meter von ihr entfernt. So einen großen Sichtradius kann die doch gar nicht haben! Es stimmt schon, dieses alte Sprichwort: „Das Leben ist ein Scheiß-Spiel. Aber es hat eine verdammt geile Grafik.“
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Empathie-Expertise
Intro – Bonus-Level
Virtuelle Resonanz
Teil 1: Leitartikel – Videospiele in der Psychotherapie
„Spiele einfach genießen“
Teil 1: Interview – Psychologin Silke Lux über gesundheitliche Wirkungen von Videospielen
Spielen gegen Radikalisierung
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Kölner Videospiel-Studio Zweisiedlerkrebs
Das Spiel mit der Geschichte
Teil 2: Leitartikel – Was Videospiele über Gesellschaften erzählen
„Eine Komplexität, die man in anderen Medien kaum findet“
Teil 2: Interview – Medienwissenschaftler Christian Schwarzenegger über die kulturelle Bedeutung von Videospielen
Im Rausch der Autobahn
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Videospielstudio Z-Software in Lünen
Um die Existenz spielen
Teil 3: Leitartikel – Was Videospiele mit der Wirklichkeit zu tun haben
„Es gibt aufklärerische Spiele“
Teil 3: Interview – Historiker Nico Nolden über Politik und Geschichte in Videospielen
Was Karten verraten
Teil 3: Lokale Initiativen – Bildungsforscher Michael Morawski über Gaming und Geographiedidaktik
Meine fremde Wohnung
Niederlande als Vorreiter für gesundheitsfördernde Videospiele – Europa-Vorbild Niederlande
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Geschichte und Gedächtnis – Glosse
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Erst zornig, dann stur. Das Leben des Homo politicus – Glosse
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