Dass diese Welt nicht die beste aller möglichen ist, dürfte jedem klar sein. Voltaires berühmter Titelheld Candide braucht allerdings für diese Erkenntnis noch die Nachhilfe der Aufklärung. Erst als er auf dem abgeschrägten Kegelstumpf den erotischen Sündenfall mit Kunigunde vollzogen hat, wird er vom Grafen aus seinem Garten Eden verwiesen. Doch es war der Philosoph und Bilderbuchzauberer Pangloß (Wilfried Eilers), der Candide erst in den Leibnizschen Optimismusrausch versetzt hat. Nach dem Himmelssturz wird bei (Haus-)Regisseur und Bühnenbildner Simon Solberg aus Voltaires satirischer Abrechnung eine Mischung aus Roadmovie, Abenteuer- und Coming-of-age-Geschichte.
In einer Revue mit viel Live-Musik driftet der clownesk weiß geschminkte Candide (Daniel Stock) durch eine realhistorische Dystopie, deren Parallelen zur Gegenwart mit Händen zu greifen sind: Die Bühne wird in viele Teile aufgesprengt, auf der totbringende Schlachten toben und kopflose, langfingrige Abgesandte der Inquisition ihr Unwesen treiben. Candide muss erleben, wie Kunigunde als Sexsklavin von einem fetten Kaufmann und einem geilen Großinquisitor missbraucht wird. An einer fremden Küste weist ein bürokratischer Statthalter im Aktenoutfit alle Flüchtlinge ab; Jesuiten erweisen sich als unchristliche brutale Kolonisatoren. Solberg gelingen eindrückliche Bilder wie das des protokommunistischen Paradieses Eldorado mit seinem greisenhaften Ratgeber. Doch aller sinnlichen Reize zum Trotz bleibt man am Ende ratlos zurück. Katastrophenerkenntnis ist derzeit nicht unser Problem. Und Candides Empfehlung der Gartenarbeit dürfte als Gegenmittel zum aktuellen Desaster kaum reichen.
„Candide“ | R: Simon Solberg | 1., 20., 22., 27.10. je 19.30 Uhr, 7., 14.10. je 18 Uhr | Theater Bonn | 0221 77 80 08
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