Er hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Diese Enge, diese Erwartungen, dieser Druck. Louis musste raus, verließ die Familie, ohne sich zu verabschieden. Hat ihr den Rücken gekehrt, um frei sein zu können. Und kehrt nun Jahre später zurück, um endgültig Abschied zu nehmen. Denn der Protagonist von Jean-Luc Lagarces Familiendrama „Einfach das Ende der Welt“ ist todkrank. Doch angesichts der Vorwürfe und der sonstigen Spannungen in seinem Elternhaus wird diese Nachricht immer wieder zurückgestellt. Zu schwer fällt die Verständigung angesichts seit Jahren brodelnder Konflikte. Eine explosive Mischung, die Regisseur Max Lindemann bei seiner ersten Arbeit am Theater Bonn auf der Werkstattbühne inszeniert.
Seit Jahren beschäftigt sich Lindemann mit Familie und Herkunft, mit vorgegebenen Träumen und sich auflösenden Perspektiven. Doch „Einfach das Ende der Welt“ ist für ihn schon etwas Besonderes: „Ich glaube, es gibt keinen reichhaltigeren Text in diesem Themenfeld“, sagt er über das semi-autobiografische Stück Lagarces, der 1995 im Alter von 38 Jahren an Aids starb und der in Frankreich derzeit zu den meistgespielten Dramatikern des Landes zählt. „Louis sucht ja im Grunde nach seinen Wurzeln, findet aber keine Erlösung.“ Sondern nur Verbitterung. „Er ist damals gegangen, weil er sich nach mehr Autonomie sehnte – und warum er jetzt zurückkommt, weiß er selber nicht so genau. Letztlich kann er seiner Familie nämlich nicht geben, was sie erwartet; Versöhnung würde bedeuten, dass Louis sich selbst aufgeben müsste, dafür sind die Lebensentwürfe viel zu verschieden.“
Viel gesprochen werde in der Familie allerdings ohnehin nicht, zumindest nicht miteinander, betont Lindemann. „Mit diesen Leerstellen spielen wir. So ist vor allem Louis sehr still und bietet seinen Geschwistern und seiner Mutter so keinerlei Angriffsfläche. Das ist symptomatisch: Schon in seiner Jugend blieb ihm letztlich nur das Schweigen oder die Flucht.“ Und so bleibt den Figuren letztlich nichts anders übrig, als sich selbst in Frage zu stellen. Auf einer fast schon laborhaften Bühne sollen dazu unter anderem Erinnerungsstücke aus Bodenklappen hervorkommen oder Kinderdarsteller ihre erwachsenen Versionen mit der Vergangenheit konfrontieren. Zumindest auf der Ebene wird noch gesprochen. Immerhin.
Einfach das Ende der Welt | 8. (P), 15., 22., 30.5. je 20 Uhr | Dauer: Etwa 80 Minuten | Werkstatt-Bühne im Opernhaus, Bonn | theater-bonn.de
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