choices: Frau Aydoğdu, ihre Stückentwicklung befasst sich mit sozialen und körperlichen Grenzen. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau machte in seinem „Diskurs über die Ungleichheit“ (1755) die Erfindung von Landbesitz für Verbrechen, Kriege, Morde, Elend und Schrecken verantwortlich. Die Erde gehört laut ihm niemandem. Wie sympathisch ist Ihnen dieser Gedanke?
Emel Aydoğdu: Das ist mir natürlich sehr sympathisch. Geografische Grenzen sind für mich mit einem Fragezeichen verbunden. Wer sind wir, zu sagen, du darfst hier rein und du nicht? Flucht und Migration sind ein wichtiges Thema für mich, bei dem ich die dahinterstehenden Menschen immer in den Fokus rücken möchte. Wir in der westlichen Welt heben uns hervor, anderen, die vielleicht in Not sind, mit Arroganz zu begegnen.
Müssten wir demnach alles auf null setzen und die Gesellschaft neu denken?
Es hat für mich ganz viel mit der Frage, wer gerade die Macht hat, zu tun. Ich habe sie nicht. Ich habe die Ressourcen, im Theater auf Lebenssituationen hinzuweisen und künstlerisch Geschichten zu erzählen.
Ihr neues Stück „Touch The Line“ greift den Grenzgedanken auf und will zu einem Perspektivwechsel einladen.Sind die Blickwinkel nicht schon längst gesetzt und unverrückbar?
Es ist nicht nur meine Perspektive auf Grenzen oder soziale Grenzen. Es ist viel mannigfacher gedacht. Es sind auch die Perspektiven der Performenden darin. Wo sind etwa die Grenzen eines weiblichen Körpers einer 13-Jährigen, der am Strand durch die Betrachtenden in ein Ranking gebracht wird? Es ist also vor allem auch eine weibliche Perspektive. Darüber hinaus sind es intergenerationale Grenzen. Beispielsweise wird ein Foto meines Opas nach der Arbeit zu sehen sein. Er liegt dort erschöpft auf dem Boden, und ich versuche mich in ihn hineinzuversetzen und seinen Körper, ja, seinen Schmerz mit meinem in Relation zu setzen.
Wo liegen Ihre persönlichen Grenzen?
Aktuell darin, Berufliches und Privates miteinander zu verbinden bzw. nicht zu verbinden. Man darf sich selbst nicht aus den Augen verlieren.
Sind Grenzen überhaupt verhandelbar?
Jeder muss das für sich selbst definieren. Das Wort „Grenze“ ist ja ein Konstrukt. Aber körperliche Übergriffe sind sicherlich nicht verhandelbar.
Wie zeigen Sie auf der klar abgegrenzten Bühne Grenzenlosigkeit?
Der Raum auf der Bühne ist ein Imaginationraum. Meine Darsteller:innen sind wie ein Archiv aus verschiedenen Grenzgeschichten. Sie beginnen immer mit dem Satz „Mein Körper trägt eine Geschichte ...“ Es gibt nicht klassische Akte, sondern wir erzeugen ein Gefühl des Schwebens aus Musik, Tanz, Gesang, Text und installativen Ebenen, die alle ineinander gehen sollen. Gefühle sind grenzenlos.
Der Pressetext spricht von „Überhängen“, „Rändern, an denen Bedeutungen kippen“. Was sind das für Ränder?
Das betrachte ich multiperspektivisch. Das kann ein Bild sein oder ein Text über den kleinen Jungen, der im Mittelmeer ertrunken ist und dessen Körper auf den Strand gespült wurde. Das ist so ein Kippmoment. Wie fair ist es, dass der Junge diese Flucht nicht überlebt hat und nur sein toter Körper hier angekommen ist? Es ist ein Forschungsfeld nach Bildern und Begebenheiten, die nicht klar definiert werden müssen. Überhänge bedeutet auch, sich in etwas hineinzuversetzen. Was ist da nachfühlbar und was nicht?
Ist „Touch the line“ ein Ausbruchversuch aus bestehenden Grenzen und Strukturen?
Wir haben sicherlich politische Stellen im Stück. Dabei berühren wir die Lebenslinie von der Geburt bis zum Tod. Ich verstehe das Stück aber eher als poetisch, fühlend und forschend. Ich glaube, wir schaffen einen Resonanzraum, in dem was dargestellt wird in einen Dialog mit den Rezipierenden tritt. Wir geben vielleicht die Struktur und den Inhalt vor, aber wie es aufgenommen wird, zeigt sich immer wieder aufs Neue.
Was wollen sie entdecken?
Ich würde mir wünschen, dass sich stetig etwas aktualisiert und neu formuliert. Es geht nicht um ein konkretes Ergebnis. Theater bedeutet, im Moment zu sein. Daher soll jede Bewegung, jedes Wort von Neuem definiert werden.
Wäre das Stück eine Abfolge von Farben, welche wären überwiegend zu sehen?
Himmelsfarben. Alles, was über uns an Farben zu sehen möglich ist.
Kann man sich die Inszenierung auch als Komödie vorstellen oder ist hier die Tragödie bereits vorprogrammiert?
Weder noch. Mit jeder Sequenz ist es wie mit den genannten Himmelsfarben. Es gibt sicherlich Momente der Ergriffenheit und der Leichtigkeit. Ich wünsche mir, dass unser Theater ein Innehalten in einen Ruheraum, ja, einen Raum ohne Angst hervorruft. Es geht für mich nicht nur um die „Unterhaltung“, sondern auch um ein Innehalten.
Welche Rolle spielt dabei das Publikum?
Ich finde es langweilig, wenn das Publikum sich nur zurücklehnt und zuschaut. Ich möchte in dieser Arbeit transdisziplinär vorgehen. Die Besucher:innen sollen nicht mit gemachten Antworten nach Hause gehen, sondern im besten Fall mit einem Zustand, der weiterwirkt.
Touch The Line | 4. (Vor-Premiere), 5.6.,24. (P), 25., 26.9.je 20 Uhr | Freies Werkstatt Theater | 0221 32 38 17
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