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Elina Brams Ritzau, Bruna Cabral, Jakob Jentgens (v.l.) sind das Cuma Kollektiv
Foto: Thomas Dahl

„Wir denken an ein liebevolles Beschimpfen“

29. Januar 2026

Das Cuma Kollektiv inszeniert „Bühnenbeschimpfung“ am Freien Werkstatt Theater – Premiere 02/26

Für ihre Stückentwicklung nutzen Bruna Cabral, Jakob Jentgens und Elina Brams Ritzau den gleichnamigen Text der israelischen Dramatikerin Sivan Ben Yishai, der sich mit dem Theater, seinen Akteur:innen und dem Publikum befasst. Die Inszenierung zeigen sie in der Reihe „Ein Stück weiter“ am FWT, bei der schnelle Umsetzungen von Stücken mit zwei Wochen Probenzeit auf die Bühne kommen.

choices: Frau Cabral, Herr Jentgens, Elina Brams Ritzau, schimpfen Sie doch mal. Was geht Ihnen derzeit auf die Nerven?

Elina Brams Ritzau (EBR): Dass die Welt scheiße ist. Mir geht auf die Nerven, dass zu meinem Leben so viel Ausblenden gehört. Gleichzeitig ist das Ausblenden-Können ein riesiges Privileg.

Bruna Cabral (BC): Ich merke, dass wir immer wieder die gleichen Fehler machen. Die Menschen wiederholen sich in ihren Taten. Es gibt einen Zyklus, ein System, das versucht, an der Macht zu bleiben, und keinen Wert darauf legt, sich zu verändern.

Jakob Jentgens (JJ): Mir geht auf die Nerven, wenn man mit Argumenten nicht mehr weiterkommt, wenn es keine Basis mehr gibt für gegenseitiges Zuhören. Das finde ich sehr schade und auch wirklich anstrengend.

Wie viel Unmut erwartet die Bühne bzw. deren Bewohner:innen bei der kommenden „Bühnenbeschimpfung“ am Freien Werkstatt Theater?

JJ: Das Wort „Unmut“ gefällt mir. Eigentlich wollen wir aber genau das Gegenteil verbreiten. Wir denken an ein sehr liebevolles Beschimpfen, das fragt, warum die Dinge nicht funktionieren. Es ist also eher ein gemeinsames Hinterfragen, aber es kann durchaus auch laut werden.

EBR: Unser Grundansatz ist: in Beziehung gehen und zusammen schöner werden. Es könnte schon chaotisch werden, vielleicht aber in einer neuen Ordnung enden.

Was können Sie in diesem frühen Stadium der Stückentwicklung (Stand: 7.1.26) über die spätere Performance sagen?

JJ: Das neue Format am FWT ist toll und wir freuen uns über das Vertrauen. Es ist fast wie ein Theater-Essay. Wir haben zwei Wochen Zeit, um uns mit unseren künstlerischen Ausdrucksmitteln mit der Textvorlage auseinanderzusetzen. Der Probenprozess beginnt erst nächste Woche, und noch steht nichts fest. Sicher wird Musik einen großen Raum einnehmen, denn Bruna und ich kommen aus der Musikszene zum Theater. Zu dritt haben wir uns als Kollektiv zusammengeschlossen, um genau an dieser Schnittstelle zu arbeiten.

EBR: Es kann alles zwischen Popsongs und „Soundscapes“ (übers.: Klanglandschaften, d. Red.) vorkommen.

Welche Rolle spielt das Publikum?

BC: Für uns spielt das Publikum immer eine sehr wichtige Rolle. Es ist nicht nur Teil des Prozesses, sondern auch der Performance. Die Leute sind nicht nur Zuschauer:innen. Wir wollen ein Community-Gefühl schaffen.

Inwiefern orientieren Sie sich an Peter Handke, der in seiner „Publikumsbeschimpfung“ (1966) bereits in den ersten Zeilen erklärt, es werde kein Schauspiel zu sehen sein?

EBR: Das war keine Orientierung für uns. Klar kennen wir diesen Text. Der ist aber nicht Teil unseres Konzepts.

Ist die Zeit des „herkömmlichen“ Theaters mit klaren Rollenverteilungen und Strukturen abgelaufen?

BC: Das glaube ich nicht. Aber es muss auch unser Ziel sein, Leute ins Theater zu bringen, die bisher nicht gekommen sind. Dafür braucht es in den Inszenierungen Veränderungen. Ich finde, dass Neues immer willkommen ist, um Traditionen herauszufordern.

JJ: Ich glaube, dass die verschiedenen Formen gut parallel existieren können. Wir sollten sie nicht gegeneinander ausspielen. Essentiell ist aber, was die Geschichten sind, die wir erzählen.

EBR: Immens wichtig ist der Zugang auf allen Ebenen für alle Menschen. Dazu gehört auch, wer erzählt und über wen erzählt wird.

Cuma“ ist ein brasilianischer Ausdruck, er bedeutet: „Wie bitte?“ Bezieht sich dieses, vielleicht verärgerte, Unverständnis auch auf die Macher:innen der Kunst- und Kulturszene?

BC: Wir wollten von Anfang an neugierig sein und mit dem Publikum Neues entdecken. Der Name ist aber auch ein persönlicher Ausdruck für unser politisches Verständnis, indem wir auf bestimmte Situationen reagieren.

EBR: Wir sind ein sehr diskutierfreudiges Kollektiv. Damit ist ein Staunen verbunden, so nach dem Motto: „Häh? Was zur Hölle geht da vor?“ – „Cuma“ ist eine schöne Art und Weise, „Häh?“ zu sagen.

Was könnte man verbessern?

JJ: Ein ganz großes Thema ist Vertrauen. In der Kulturszene erlebe ich das ganz praktisch, aber das lässt sich sicher auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen: Da, wo es Strukturen von begründetem Vertrauen gibt, funktionieren die Dinge. Und klar brauchen wir mehr Ressourcen für die Kultur, genau wie auch für andere soziale Bereiche unseres Miteinanders. Es kann nicht sein, dass da gekürzt wird. Das bringt unsere demokratische Gesellschaft ernsthaft in Gefahr. Ich glaube nicht, dass uns in der Gesellschaft dafür die Mittel fehlen. Das ist eine Frage der gerechneten und vernünftigen Verteilung.

BC: Wir entfernen uns von der Demokratisierung, wenn wir die Kultur elitärisieren. Das fängt schon in den Schulen an. Wie können wir junge Menschen für das Theater begeistern, wenn die Künste nicht als wichtiger Bestandteil der gesellschaftlichen Bildung verstanden werden?

In welchen Ländern läuft das besser?

JJ: In Frankreich, Belgien oder Irland gibt es spannende Modelle der finanziellen Absicherung von freiberuflichen Kulturschaffenden. Sicher haben diese Systeme auch ihre Probleme, aber ich würde mir für Deutschland eine Variante, vergleichbar mit der französischen „Intermittence Du Spectacle“ (spezielles Arbeits- und Sozialversicherungssystem im Kunst- und Kulturbereich, d. Red.) wünschen.

EBR: Wenn wir schon über ein Grundeinkommen für Künstler:innen reden, sollten wir über ein Grundeinkommen für alle sprechen.

Für Ihre Stückentwicklung nutzen Sie einen Text von Sivan Ben Yishai. Welche Auflagen gingen damit einher?

EBR: Nicht direkte Auflagen. Wir ergänzen die Perspektiven des Textes mit unserer eigenen und werden viel über unsere Positionen reden, vielleicht auch schimpfen. Es geht aber auch um Selbstkritik.

Wie lange dauert die Lästerung?

JJ: Zwischen 20 Minuten bis zwei Stunden ist alles möglich. Es könnte sein, dass es mit einem Knall endet.

EBR: Wir wissen es ja selbst noch nicht.

Was waren die letzten Schimpfworte, die über Ihre Lippen kamen?

EBR: What the fuck?

BC: Shit!

JJ: Mist. Langweilig.

Bühnenbeschimpfung | Freies Werkstatt Theater, Köln | 20. (P), 28.2., 29.4., 2.5. je 20 Uhr | 0221 32 78 17

Interview: Thomas Dahl

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