Vor etwa einem Jahr hat Mario Kramp die Leitung des Kölnischen Stadtmuseums übernommen. Und er steht vor großen Aufgaben: Das gesamte Haus muss dringend saniert werden. Um aber die stolzen 2000 Jahre Stadtgeschichte, auf die Köln zurückblicken kann würdig und nicht zu komprimiert vorstellen zu können, soll die Ausstellungsfläche mit einem Anbau erweitert werden. Dann wird sich auch die Dauerausstellung in einem neuen, zeitgemäßen Gewand mit interaktiven Erkundungsangeboten präsentieren.
Inzwischen bieten kleinere Wechselausstellungen einen Vorgeschmack, wie lebendig, offen und spannend das in dem historischen Gebäude mal werden könnte. „Made in Cologne – Kölner Marken für die Welt“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung zu Produkten, die in besonderer Weise mit der Stadt verbunden sind. In Kooperation mit dem Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv haben Mario Kramp und der Kurator Sascha Pries versucht, dem „typisch Kölschen“ der Warenwelt über ihre Inszenierung auf Werbeplakaten, Broschüren und in TV-Spots beizukommen. Unaufdringlich eingestreute, interaktive Mitmach-Angebote ermöglichen einen unmittelbaren Zugriff auf das Thema, in dem sich unverhohlen ein nostalgischer Zug widerspiegelt. Im materialschwangeren Rückblick auf die Erfolgsgeschichten von Ford, Stüssgen AG und Clouth drängt sich die Frage auf, inwiefern Köln heute noch als Marke taugt. Kann das identitätsstiftende Potential eines so anziehenden Gegenstandes wie dem „schnellsten Serienmotorrad der Welt“, das 1909 von den Köln-Lindenthaler Metallwerken (KLM) gebaut wurde und das Glanzstück der Ausstellung bildet, mit dem modernen Selbstverständnis als Medienstadt mithalten?
Inmitten ausgesucht zusammengestellter Tableaus, Sitzecken und Originalinventare kann man die umwerfenden Afri-Cola-Werbespots der 60er Jahre goutieren, oder sich auch selbst in der Afri-Cola-Deko fotografieren und anschließend auf Facebook einstellen lassen. Das zum Aushängeschild für Köln avancierte „Echt Kölnisch Wasser“ lässt sich in seinen verwegensten Unterarten über Duftproben erschnüffeln. Historische Werbeträger transportieren ein lebendiges Stück Zeitgeschichte. Opekta, Overstolz und Stollwerck-Schokolade bedienen nicht nur die gängigen Klischées, sondern treiben sie geradezu auf die Spitze mit ihrer zu Übertreibungen neigenden Werbesprache. Aber es lässt sich auch viel Neues erfahren. Wer weiß schon, dass Kölner Unternehmen bereist 1898 die ersten Elektroautos bauten? Und wer hat je etwas von der einst weitverbreiteten Metalllegierung „Orivit“ gehört oder vom „Tefifon“, einem frühen Aufnahmegerät? Ausführliche Details zu den oft abenteuerlichen Firmengeschichten kann man im sehr empfehlenswerten Katalog nachlesen, der für 9,95 € an der Museumskasse erhältlich ist.
„Made in Cologne“ bis 11.9.
Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1-3, Öffnungszeiten: Dienstag 10–20 Uhr , Mittwoch bis Sonntag 10–17 Uhr, montags geschlossen, KölnTag - jeden ersten Donnerstag im Monat 10–22 Uhr (an Feiertagen 10–17 Uhr)
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