
Vaterland
Deutschland, Polen, Italien, Frankreich, Großbritannien 2026, Laufzeit: 82 Min., FSK 0
Regie: Pawel Pawlikowski
Darsteller: Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl
>> www.vaterland-der-film.de
"Wo ich bin, ist Deutschland"
Raspa (410), 10.09.2026
Dieses berühmte Zitat von Thomas Mann aus dem Jahre 1938 kommt im Film nicht vor, aber es könnte sein Motto sein, sah Mann sich ja selbst als den legitimen Nachfolger Goethes, und den nach diesem benannten Preis erhält er im Jahre 1949 auch gleich doppelt, zunächst in Frankfurt, dann in Weimar.
Dass das Drehbuch historisch nicht ganz korrekt ist - tatsächlich begleitete Ehefrau Katja den Autor, nicht Tochter Erika, die aber in seinen letzten Lebensjahren tatsächlich zu seiner größten Stütze wurde, und Klaus Manns Suizid erfolgte bereits einige Wochen vor der ersten Rückkehr seines berühmten Vaters ins geteilte Deutschland -, ist kein Makel, es dient der Zuspitzung und ist von daher gerechtfertigt.
Es ist ein schöner Film, gedreht in Schwarz - Weiß und mit einer zeitgemäßen Patina. Freilich auch ein schwieriger Film für Zuschauer, die wenig über die Nachkriegszeit und vielleicht noch weniger über die Verhältnisse innerhalb der Familie Mann wissen: Dass alle sechs Kinder, mit Ausnahme von Erika und der letztgeborenen Elisabeth, sehr unter dem übermächtigen Vater zu leiden hatten, ganz besonderes eben auch Klaus, der ja durchaus ein hochtalentierter Schriftsteller war; dass Erika und Klaus eine fast symbiotische Verbindung hatten; dass Erika in der Weimarer Zeit einige Jahre mit Gustaf Gründgens eine Art Scheinehe führte, v.a. um ihre jeweilige Homosexualität zu kaschieren; dass Klaus Mann Gründgens' Karriere in der NS - Zeit in seinem Roman "Mephisto" gnadenlos dargestellt hatte.
All das wird zwar im Film teilweise kurz angedeutet, es ist aber schon sehr von Vorteil, wenn man diese Zusammenhänge kennt.
Neben den familiären Verstrickungen geht es Pawlikowski natürlich auch darum, die dumpfe Atmosphäre sowohl in der westlichen wie in der östlichen Zone zu evozieren. Für beide Systeme ist Thomas Mann nur jemand, der helfen soll, das eigene Lager ins rechte Licht zu setzen, und es fällt dem Geehrten schwer, sich diesem Ansinnen zu widersetzten.
Der Film ist bis in die kleinen Rollen ( z.B. J. Meyerhoff als Gründgens ) hervorragend besetzt, was natürlich ganz besonders auf Zischler ( der nur einmal, gegenüber den Wagner - Söhnen, die Regeln der bürgerlichen Höflichkeit fallen lässt ) und Hüller ( Erikas wache Intelligenz, ihre leicht androgynie Erscheinung, ihre Verzweiflung über den Tod des Bruders ) zutrifft.
Insgesamt also: Einer der besten deutschen Filme - wenn auch international produziert - seit langem.
Deutschen Gesellschaft am Scheideweg...
Olli (105), 09.09.2026
Es ist interessant, dass sich ein polnischer Regisseur, Pawel Pawlikowski, am Beispiel des Besuchs der Manns in Frankfurt und Weimar mit der tiefen Spaltung der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg beschäftigt. Der Blickwinkel seiner "Vogelperspektive" ist auch für uns hilfreich. Die Neuerfindung von Persönlichkeiten und gesellschaftlicher Strukturen sowie der unterschiedliche Umgang mit den teils verheerenden Altlasten in der Nachkriegszeit wird überzeugend vermittelt.

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