Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 1 2 3 4 5

12.660 Beiträge zu
3.876 Filmen im Forum

Joachim Kühn, Barbara Marx und Fosco Dubini im Filmhaus Köln
Frank Brenner

Oppositionelle in der DDR

22. Juni 2026

„Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“ im Filmhaus – Foyer 06/26

Sonntag, 21. Juni: Der Schweizer Filmemacher Fosco Dubini („Hedy Lamarr: Secrets of a Hollywood Star“) ist mit seiner Filmproduktionsgesellschaft seit Jahren in Köln ansässig. Viele der von ihm in den letzten Jahren in die Kinos gebrachten Dokumentarfilme wurden vom Kölner Filmverleih Real Fiction betreut, so dass die Premiere von Dubinis neuem Film „Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“ in der Domstadt ein Heimspiel war. Als Co-Regisseurin fungierte Barbara Marx, die schon bei etlichen anderen Dubini-Filmen am Drehbuch mitgearbeitet hatte („Ludwig 1881“, „Die innere Zone“). Gemeinsam stellte sich das Regie-Duo am schwül-warmen Sonntagabend den Fragen des Publikums, das sich weder durch die Temperaturen noch durch die Fußballwestmeisterschaft vom Kinobesuch abhalten ließ. In den Tagen davor hatten Dubini und Marx ihren Film bereits im Osten der Republik präsentiert, u.a. in Berlin, Halle und Leipzig. Dort dürfte der Name Bärbel Bohley noch gegenwärtiger sein, gehörte die Malerin und Mitbegründerin des Neuen Forums doch zu den führenden Bürgerrechtlerinnen in der DDR. Dubini erläuterte noch vor der Filmprojektion, dass Bruchstücke um Bohley und die damalige Situation bei vielen wie ein Trauma im luftleeren Raum herumschwirren würden, dass dabei auch viel Unverarbeitetes sichtbar würde. Mit ihrem Film hätten sie nun versucht, „die Bruchstücke in eine chronologische Ordnung zu bringen.“


Die Filmemacher:innen Fosco Dubini und Barbara Marx, Foto: Frank Brenner

Kein reines Ostthema

Der Dokumentarfilm setzt ungefähr ein Jahr vor der friedlichen Revolution in der DDR ein, als Bärbel Bohley aufgrund ihrer politischen Aktivitäten des Landes verwiesen wird. Fosco Dubini und Barbara Marx stützen sich auf Archivaufnahmen, Interviews mit Zeitzeugen und haben die Passagen der nun für Bohley einsetzenden Reise durch die BRD, Großbritannien und Italien in Spielszenen mit der Schauspielerin Lilli Fichtner nachgestellt. Marx betonte: „Wir wollten den Moment der Jahre 1988/89 festhalten, in dem konzentriert die Wende vorbereitet wurde. Bohley war für uns eine symbolische Figur dafür.“ Im Film wird deutlich, dass sich die Bürgerrechtlerin nicht mit der Ausweisung zufriedengeben will. Sie möchte unbedingt in die DDR zurückkehren, zumal sie erkannt hat, dass gerade in diesem Moment dort die Zeichen auf Umbruch und Neuanfang stehen. „Deswegen ist sie mit ihren Gedanken immer bei der DDR, selbst in der tollen Landschaft der Toskana, die sie noch nie zuvor gesehen hatte“, ergänzte Barbara Marx. Auch Verleihchef Joachim Kühn teilt diese Ansicht, für ihn war Bärbel Bohley während ihrer Reise in diesen Monaten noch immer eine Gefangene, auch wenn sie hier eine ungewohnte Freiheit genießen konnte. Auf die Frage, ob es keine Bedenken gegeben hätte, dass Dubini als Westeuropäer über das DDR-Thema berichte, sagte der Regisseur: „Bohley ist eine Person der Zeitgeschichte und in einen europäischen Kontext eingebettet. Die ganze Weltlage hat sich 1989 verändert, das war für mich kein reines Ostthema.“


Barbara Marx beim Publikumsgespräch, Foto: Frank Brenner

Der Vergessenheit überantwortet

Als spannende Randnotiz enthüllte Fosco Dubini, dass er anhand seiner damaligen Drehpläne rekonstruieren konnte, dass er sich im Jahr 1988 genau zwei Wochen vor Bärbel Bohley in London aufgehalten hatte – während der Dreharbeiten zu seinem Film „Klaus Fuchs – Atomspion“. Nach den Publikumsreaktionen in Ostdeutschland befragt, machte Dubini deutlich, dass diese ganz unterschiedlich ausgefallen seien. Einige hätten sich an kleinen Details gestört, beispielsweise, dass Bärbel Bohley bei ihrer Inhaftierung in der DDR einen Adidas-Trainingsanzug trägt. „Das ist aber durch entsprechende Fotos aus dem Stasi-Archiv belegt, viele Ostdeutsche halten das aber für unmöglich oder falsch“, so der Filmemacher. Barbara Marx merkte an, dass sie für den Film auch gerne noch die Bürgerrechtlerin Katja Havemann interviewt hätten, dass es deren Gesundheitszustand aber wohl nicht zugelassen habe. In „Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“ kommen aber deren Mitstreiter:innen Ulrike Poppe, Rolf Henrich und Mary Kaldor zu Wort. Fosco Dubini bedauerte, dass der Name Bohley mittlerweile wohl zu unwichtig geworden sei, dass man sie „bereits der Vergessenheit überantwortet“ habe, weil er für seine Dokumentation von keinem Fernsehsender Unterstützung erhalten habe, auch nicht von den ostdeutschen. Ohne seinen Zürcher Koproduzenten hätte er den Film nicht realisieren können. So könne man es als „glückliche Fügung“ betrachten, dass es ihm am Ende doch noch gelungen sei, Bohleys Geschichte in die Kinos zu bringen. Im Filmhaus Köln ist „Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“ auch weiterhin im regulären Wochenprogramm zu sehen.


Fosco Dubini berichtet von den Dreharbeiten, Foto: Frank Brenner
Frank Brenner

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Backrooms

Lesen Sie dazu auch:

Einmalig in der deutschen Filmszene
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ im Weisshaus – Foyer 06/26

Was es bedeutet, ein Mädchen zu sein
„Girls Don’t Cry“ im Odeon – Foyer 04/26

Die Hose als Freiheit
NRW-Premiere von „Rose“ im Düsseldorfer Cinema – Foyer 04/26

Feiern im Kreis von Freunden
„Die Schwester der Braut“ im Filmforum – Foyer 04/26

Film für die ganze Familie
„Mein Freund Barry“ im Cinedom – Foyer 03/26

Zu Unrecht beschuldigt
„Blame“ im Odeon – Foyer 02/26

Fiktion mit realen Hintergründen
„White Snail“ im Filmhaus – Foyer 02/26

Langfilmdebüt einer Schauspielerin
„Paternal Leave – Drei Tage Meer“ im Filmhaus – Foyer 12/25

In NRW wird Kino wirklich gelebt
Verleihung der Kinoprogrammpreise NRW in der Wolkenburg – Foyer 11/25

Unermüdliches Engagement für den Schnitt
„Kammerflimmern“ im Filmhaus – Foyer 10/25

Preisträgern auf den Zahn fühlen
Artist Talks des Film Festival Cologne im Filmpalast - Foyer 10/25

Stimmen für Veränderung
„How to Build a Library“ im Filmforum – Foyer 09/25

Eine sympathische Bruderkomödie
„Ganzer halber Bruder“ im Cinedom – Foyer 09/25

Jung-Bäuerinnen bei der Arbeit
„Milch ins Feuer“ im Odeon – Foyer 08/25

Im Abschiebegefängnis
„An Hour From the Middle of Nowhere“ im Filmhaus – Foyer 06/25

Foyer.