Arbeit prägt unser aller Leben, egal welcher Form von angestellter, selbstständiger, prekärer oder sinnstiftender Arbeit wir nachgehen. Da der Dokumentarfilm gewöhnlich aus dem Leben schöpft, es beobachtet und abbildet, ist Arbeit ein wiederkehrendes Sujet der Kunstform. Unter dem Titel „Work in Progress. Repräsentationen von Arbeit im Dokumentarfilm“ widmete sich das diesjährige Symposium der dokumentarfilminitiative dfi im Filmbüro NW dem Thema mit Screenings, Vorträgen, Panels und Filmgesprächen unter verschiedenen Gesichtspunkten.
dfi-Leiterin Michelle Koch stellte in ihrer Einführung die langdauernde Symbiose von Arbeit und dokumentarischer Form heraus. Die Frage nach Arbeit im, am und mit dem Bild stelle sich immer wieder aufs Neue. Viele Tätigkeiten, die für das Funktionieren unserer Gegenwart und Gesellschaft unabdingbar sind, blieben dabei entwertet und unsichtbar. Die zunehmend defragmentierte, dezentralisierte und individualisierte Arbeitswelt gestalte sich rasant um. „Arbeit [ist] keine neutrale Kategorie. Sie ist politisch, historisch und ästhetisch umkämpft“, so Koch. Der Dokumentarfilm mache Arbeit sichtbar, organisiere die Wahrnehmung von ihr und verhandele mit filmischen Mitteln Fragen wie: Was gilt als Arbeit? Wie prägt sie unser Leben? Wer entscheidet darüber, was produktiv ist?
Ausgehend von einem Kurzfilmprogramm mit Filmen von Katharina Pethke, Len Lye und Harun Farocki warf Film- und Medienwissenschaftler Christoph A. Büttner in seinem Impulsvortrag „Transformationen im Sichtbaren. Zum dokumentarfilmischen Blick auf die Arbeit“ viele Fragen auf, die im Verlauf des Programms immer wieder aufgegriffen wurden. Neben der Problematisierung des Begriffs „Arbeit“ an sich, drehte sich sein Vortrag auch um veränderte Darstellungsmodi von Industriearbeit zu postfordistischen Arbeitsfeldern, die sich im Virtuellen abspielten und andere Bilder erforderten.
Ein gelungenes Beispiel für die Sichtbarmachung prekärer Clickarbeit war dabei Nicolas Gouraults „Their Eyes“, der im Programm „Hand und Code“ gezeigt wurde und in Kontrast zu einem „Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasi-Akten“ (2000) stand, bei dem geschredderte Papierfetzen wie ein Puzzle manuell zusammengefügt werden. In „Their Eyes“ berichten Clickworker aus dem Globalen Süden davon, wie sie für wenig Lohn, ohne Verträge oder soziale Absicherung Bilder aus dem Straßenverkehr des Globalen Nordens analysieren und bearbeiten, um die KI selbstfahrender Autos zu trainieren. Gouraults lässt in seinem Kurzfilm nicht nur anonymisierte Betroffene selbst zu Wort kommen, sondern macht deren Arbeit mithilfe eines Grafikprogramms konkret sichtbar.
Arbeit im Bild
Körperliche Arbeit in offenem Gelände stand in „Olanda“ im Mittelpunkt. Der in Kooperation mit der Duisburger Filmwoche, die im November 2026 ihr 50. Jubiläum feiert, schon am Vorabend gezeigte Film begleitet Pilz- und Blaubeersammler:innen in die rumänischen Karpaten. Regisseur Bernd Schoch und sein Kameramann Simon Quack berichteten in Köln vom Dreh und dem stundenlangen Durchqueren der Wälder, dem Schleppen schwerer Taschen und den widrigen Umständen, in denen die Sammler:innen während der Saison vor Ort leben und im Film zu sehen sind. Lokale Strukturen und Lieferketten werden nur angedeutet. „Olanda“ versucht, diese Arbeitsform sinnlich erfahrbar zu machen. Konkreter operiert Serrap Berrakkarasus Film „Ekmek parası – Geld für's Brot“ (1994) und kommt mit den Arbeiterinnen direkt ins Gespräch. Frauen, die seit vielen Jahren in einer Lübecker Fischfabrik schuften, erzählen der Regisseurin darin von Leben und Beruf, ihren Entbehrungen, dem Verlust der Heimat und aufgegebenen Träumen, nicht ohne sich Lebensfreude und Widerständigkeit erhalten zu haben. „Türkische Frauen wurden zur damaligen Zeit meist stumm dargestellt. Dabei muss man sie nur fragen“, berichtete Berrakkarasu im Gespräch. Als Tochter türkischer Arbeitsmirgrant:innen fand sie schnell Zugang zu den Frauen. Gisela Tuchtenhagen fing parallel mit ihrer Kamera ein, wie sich die jahrelange Arbeit in die Körper der Frauen eingeschrieben hatte: Verfärbte Finger von der Berührung mit Fisch, verformte Hände und Schmerzen in den Füßen von den immer gleichen Bewegungen am Fließband und dem stundenlangen Stehen. Der Film, kurz nach der Wende gedreht, ist ein wertvolles Zeitdokument. Sowohl die türkischen als auch zwei ostdeutsche Frauen thematisieren darin, dass das Schichtende der Lohnarbeit nicht mit dem Feierabend der Männer gleichbedeutend sei, was zum Themenfeld unbezahlter Care-Arbeit am Freitagmorgen führte.
KHM-Professor Alejandro Bachmann mit Heide Schlüpmann
Privat vs. Politisch
Das Kurzfilmprogramm „Feministische Ökonomien – Sorge, Arbeit, Widerstand“ zeigte Filme von 1970 bis 2021, von denen „Molkarin“ (R: Yugantar, 1981) mit der Schilderung eines erfolgreichen Arbeitskampfes indischer Haushaltsgehilfinnen besonders beeindruckte. Die Diskussion im Anschluss mit Heide Schlüpmann verlief kontrovers. Die Philosophin und Filmhistorikerin kritisierte die Ausweitung des Arbeitsbegriffes in den privaten Raum. Sie argumentierte mit Hannah Arendt, dass das Private der letzte widerständige Raum sei, in dem Arbeit nichts zu suchen hätte und forderte Wertschätzung und öffentliche Anerkennung von familiärer Beziehungs- und Pflegearbeit, sprach sich aber gegen eine Gleichsetzung mit Lohnarbeit aus. Eine Haltung, die nicht alle jüngeren Feministinnen im Publikum zu teilen schienen.
Recht auf Selbstausbeutung
In dem Panel „Who Cares – Arbeitsbedingungen und Wertigkeiten des Dokumentarfilms“, verschob sich die Perspektive abschließend von der Arbeit im Bild zu den praktischen Arbeitsbedingungen Dokumentarfilmschaffender. Während Valentin Thurn („Taste the Waste“) und Kim Münster (beide in Regie und Produktion tätig) von Mischkalkulationen und Finanzierungsproblemen berichteten, wurden wiederholt Philipp Dörings „Palliativstation“ als Beispiel dafür genannt, wie gesellschaftlich relevante und künstlerisch anspruchsvolle Dokumentarfilme ab- und jenseits bröckelnder, klassischer Förderstrukturen vermehrt durch Idealismus und Selbstausbeutung entstehen. Arbeitssoziologin Alexandra Manske plädierte für mehr Lobbyarbeit in die Politik. Der Arbeitsbegriff und soziale Systeme seien in der Logik klassischer, angestellter und kontinuierlicher Erwerbsbiografien – sogenannten „Normalarbeitsverhältnissen“ – verhaftet, was sich ändern müsse. Andere, wie die Regisseurinnen Gabriele Voss und Miri Ian Gossing, appellierten an den Nachwuchs, weniger an Fördertöpfe zu denken und sich darauf zu besinnen, warum und welche Filme sie machen wollten. Serpil Turhan („Köy“) gab zu bedenken, dass sie sehr gern relevante Filme drehen wolle, wenn sie davon auch halbwegs ihren Lebensunterhalt finanzieren könne. Schlüpman zeigte sich davon irritiert. Sie fragte, ob es angesichts der globalen Weltlage, von Kriegen, Umweltzerstörung und dem Erstarken der AfD, die schon jetzt in Kulturausschüssen sitzt, nicht oberste Priorität habe, politisch und filmisch für Bedingungen zu kämpfen, unter denen Kunst und Kultur frei und somit überhaupt noch möglich seien, worin ihr einige junge Filmstudierende zustimmten.
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