Im April begeistert uns der Geisterfilm „A Useful Ghost“, „Der Magier im Kreml“ diskutiert die Mechanismen von Macht und Politik und „Horst Schlämmer“ schlämmert sich sogar durchs Programmkino: Auch dieser Monat feiert die Vielfalt der Leinwände, auf denen so viel gezeigt wird und gesagt. Nur darf man ja nach weitläufiger Meinungsmache („Bild“) heute nichts mehr sagen. Dann wird trotzdem ständig was gesagt („Bild“), so wie hier, als Kulturstaatsminister Wolfram Weimer das Blatt an seiner statt verkünden lässt, die Absetzung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle durch Weimer stehe bevor. Letzterer tritt bloß noch nach und sagt, dass „politische Aktivisten die Festspiele negativ überlagert und mit ihren Aktionen die Stimmung regelrecht vergiftet haben“. Ob er mit „politische Aktivisten“ konkrete Filmemacher, die „Bild“ oder sich selbst meint, erläutert Weimer nicht.
Tuttle indes bleibt souverän diplomatisch, sieht aber Unabhängigkeit und ihren Verbleib in Gefahr. Doch sie bleibt – nicht zuletzt dank des gewaltigen Rückhalts aus der internationalen Kulturszene. Zum Glück! Und während Konservative schon die Weimerer Republik bejubeln, gibt sich Wolfgang M. Schmitt im Podcast „Die Neuen Zwanziger“ gelassen und sieht die Berlinale mitnichten in der Krise. Krise, sagt er, war unter Dieter Kosslick, Leiter der Berlinale von 2001 bis 2019, als Themen wie „Programmhefte auf Ökopapier“ zum Diskurs reichten. Heute dagegen habe die Berlinale wieder Diskursrelevanz. Die allerdings setze „eine große Gelassenheit von den politischen Akteuren“ voraus.
Gelassene politische Akteure allerdings sind rar gesät derzeit. Und andernorts waltet Politik schon ungleich disruptiver: Während sich Weimer fortwährend als möchtegern-autoritärer Kleingeist verstolpert, unterwandern ein Donald Trump und sein MAGA-Anhang längst die Medien und verleiben sich nach radikaler Late Night-Offensive Schritt für Schritt die großen Filmverleiher ein. Warner geht ans MAGA-Schiff Paramount, und schon wackelt CNN. Was uns da in Zukunft im Kino blühen könnte, haben wir bei „Melania“ gesehen, eine Doku über Melania Trump, die darin im Märchenpalast schicke Kostüme aufträgt und Servietten aussucht, während ihr Mann mit Blut Geschichte schreibt. Die Doku, schreibt Xan Brooks treffend im „Guardian“, sei ein „vergoldetes Trash-Remake“ von Jonathan Glazers „The Zone of Interest“, in dem sich die Gattin von Rudolf Höß einen Garten Eden am Rande des KZs Auschwitz zurecht(t)räumt.
Wehret den Anfängen! Man kann die Berlinale, angefangen mit einem Verhaltenskodex, durch autoritäre politische Einmischung bevormunden. Man kann aber auch einfach zugestehen, dass die Konflikte dieser Welt untrennbarer Bestandteil eines freiheitlichen, internationalen Filmfestivals sind. Erster Schritt zu einer Konfliktlösung ist für gewöhnlich der Dialog. Zum Wesen der Kunst zählt, Dialog anzustoßen. An sich also: Win-Win. Und übrigens: Wie ist es eigentlich um Ihren eigenen Verhaltenskodex bestellt, Herr Kulturstaatsminister?
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