Ein Fotograf, der seine Arbeiten mit Texten versieht – fehlt dem nicht das Vertrauen in die Kraft seiner Bilder? Wer liefert schon den Kommentar zur eigenen Arbeit gleich mit? Der Engländer Victor Burgin besaß schon vor 40 Jahren die Kühnheit, auf seine Fotografien Texte zu setzen. Die Galerie Thomas Zander zeigt jetzt Burgins epochale Serie „US 77“, die ihm den Rang eines Klassikers der jüngeren Fotografiegeschichte einbrachte. Die Aufnahmen entstanden während einer Reise durch die USA und sie demonstrieren, was Konzeptkunst vermag, wenn sie pointierte Analyse mit zwingenden Bildkompositionen zu verbinden weiß. Burgin zeigt einen jungen Mann, lässig sitzt er mit einer Zigarette im Auto, dem Symbol amerikanischer Unabhängigkeit und Noblesse. Hinter ihm sieht man eine Reihe Männer eilig mit Anzug und Krawatte über die Straße hasten. Und Burgin philosophiert im Bildtext über den Niedergang der Väter, die mit der Industrialisierung als billige Arbeitskräfte ihre Autorität im Gefüge der Familien verloren haben. Empfindlicher kann man das angeknackste Selbstwertgefühl des modernen Mannes kaum formulieren.
Burgin zeigt die weiten Landschaften des Mittelwestens und spricht nicht über Freiheit, sondern über den Zwang, den das gesellschaftliche Gefüge einer Generation der nächsten auferlegt. Oder er fotografiert den Marlboro-Mann in einer schmutzigen Straßenecke und erzählt von einer in die Jahre gekommenen Frau, die so schön wie die Mädchen aus der Werbung sein möchte. Burgin kommentiert nicht, sondern Bild und Worte bilden gemeinsam den Text, den er mit jedem Werk konstruiert. Unerhört inspirierend sind diese Bilder, die ihre Betrachter in einen Dialog verwickeln. Einem Bild von Burgin zu begegnen heißt, in einen Disput mit einem der intelligentesten Fotografen unserer Zeit zu treten.
Eine Etage über den Werken von Burgin zeigt der Amerikaner Peter Downsbrough Arbeiten, die ebenfalls in den 70er Jahren entstanden sind. Auch sie stellen einen Markstein innerhalb der Entwicklung der modernen Fotografie dar. Downsbrough fotografierte in New York auf der Straße aus einer einzigen Perspektive, aber über einen kurzen Zeitraum hinweg. Man darf sich fragen, was das eigentliche Bild einer jeden Serie ist. Man wird es nicht finden, weil Downsbrough den fotografischen Moment aufhebt. Eine Wende innerhalb der Fotografie. Hatte Henri Cartier-Bresson noch wenige Jahre zuvor die ganze Welt in einem Bild einfangen können, so demonstriert der Amerikaner ein ganz anderes Kunst- und Weltverständnis. Plötzlich ist das Zentrum aufgehoben, jedes Bild zählt gleich viel, wir sind als Betrachter gezwungen, uns selbst zu orientieren. Auch diese Präsentation besitzt einen sachlichen Humor, der schlagend demonstriert, wie die Fotografie in den 70er Jahren die Führungsposition im Diskurs der Künste übernahm.
Victor Burgin, Peter Downsbrough | bis 6.4. | Galerie Thomas Zander | Schönhauser Str. 8, Köln | 93 48 856 | www.galeriezander.com
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