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Julia Dick und Katharinajej
Foto: katze und krieg

„Wir meinen es sehr ernst“

29. August 2026

katze und krieg: „damit wir überleben“ in Kölns Innenstadtt – Premiere 09/26

„Damit wir überleben“ erscheint zugleich als Begründung und Anleitung für eine erstrebenswerte Gestaltung der Zukunft, solange diese noch humanistische Einflußnahmen zulässt. katharinajei und Julia Dick berichten im choices-Premiereninterview über neue Formen des Füreinanders und der Nichtvereinsamung in einer friedlichen Gesellschaft.

choices: katze und krieg, wie kann der Mensch angesichts der täglichen, ja stündlichen Hiobsbotschaften aus einer fortschreitend selbstzerstörerischen Zivilisation überleben?

katharinajej (kj): Erster Schritt, komm zu unserer Performance. Da gibt es nicht nur eine steile Theorie, sondern auch praktische Impulse zum Überleben.

Julia Dick (JD): Wünschenswert wäre, dass möglichst viele Menschen im friedlichen Miteinander mit sich und der Umwelt überleben könnten, anstatt eines survival of the richest. Ein solches Überleben gelänge am ehesten im gemeinschaftlichen, gemeinnützigen, vorausschauendem, liebevollem Füreinander.

Wie ironisch ist Ihr „Trainingsparcours der Fürsorge“ angelegt?

kj: Der Trainingsparcours mag an mancher Stelle überspitzt, absurd oder lustig wirken, doch wir meinen es sehr ernst. Ich glaube tatsächlich daran, dass unser Training ein wichtiger Überlebensimpuls ist. Außerdem werden echte Handlungen der Fürsorge im öffentlichen Raum ausgeführt – jede:r Teilnehmende macht auch eine echte Erfahrung.

Die Idee der Fürsorge nimmt final nicht selten Kurs auf das eigene Ich. Wie kann dieser Egoismus hin zum Wir aufgelöst werden?

kj: Mit dem kontinuierlichen Training von Fürsorge für andere und die Umwelt! Durch kleine und große Handlungen im Alltag, zu Hause, im Job, mit Freund:innen, Kindern, Nachbar:innen, im Verein, im Netz, an dem Ort und mit den Menschen, mit denen du gerade zusammen bist.

JD: Richtig verstandene Selbstfürsorge und Fürsorge hängen im Grunde auch eng zusammen. Sorge ich gut für mich selbst, habe ich Kraft mich auch um Andere bzw. die Gemeinschaft zu kümmern. Kümmere ich mich um meine Umwelt oder um andere Menschen ist das wiederum auch als eine Art erweiterte „Selbstfürsorge“ zu interpretieren, mit der Aussicht auf eine friedliche, gleichberechtigte Gemeinschaft, um mich herum, die sich gleichermaßen auch um mich kümmert, sobald ich Unterstützung brauche. Bedingung sollte jedoch sein, dass es eine Balance aus Fürsorge geben und Fürsorge empfangen gibt.

Was bieten Sie konkret an und wie kann man sich die Darbietungen vorstellen?

kj: Wir bieten an, neue Erfahrungen zu machen in Selbstfürsorge, Fürsorge für den Anderen und die Umwelt. Was genau, verraten wir natürlich nicht. Nur dass es zusammen sehr viel Spaß macht und der Effekt überraschend ist – nicht nur persönlich, sondern auch in einer gesellschaftlichen Dimension betrachtet.

Wo genau finden die Performances statt?

kj: Mitten in der Kölner Innenstadt auf der Breite Straße.

JD: Den genauen Treffpunkt findet ihr unter „damit wir überleben“ auf www.katzeundkrieg.de.

„Das Ungewisse interessiert uns.“ katharinajej

Wie politisch werden Sie dabei?

kj: Naja wir performen und leiten an, anders mit uns selbst, den Menschen und der Umwelt umzugehen. Es hat was von Aktivismus.

JD: Zugleich ist was wir machen jedoch auch spielerisch und leicht und mehrdeutig.

Das Aufeinandertreffen mit Bürger:innen bietet Raum für Überraschungen. Welchen Stellenwert nimmt die Improvisation während der Aufführungen ein und wie bereiten Sie sich darauf vor?

kj: Improvisation ist unumgänglich in unseren Performances, die ja mitten im Leben stattfinden, also nicht im White oder Black Cube, der kontrolliert und durchinszeniert werden kann. Genau das Ungewisse interessiert uns auch. Wir setzen uns dem Leben aus, gestalten es gleichzeitig mit, und die Reaktion der Passant:innen und Menschen um uns herum ist wichtig und gehört dazu. Wie wir damit umgehen, das üben wir, indem wir im öffentlichen Raum proben und so das Spektrum abtasten und erfahren, was passieren könnte.

Wie gehen Sie mit Störungen oder gar aggressivem Verhalten von Außenstehenden um? Haben Sie dahingehend schon Erfahrungen gemacht?

kj: Auch sehr unerwartete Störungen können passieren und sind Teil unserer Performances. Ich finde, der beste Umgang damit ist, wenn es mir gelingt sie anzunehmen und konstruktiv mit ihnen zu arbeiten. Klar darf ich dabei genau hingucken: Wo ist meine Grenze? Und diese entsprechend setzen. Insgesamt erfahren wir selten aggressives Verhalten, im Gegenteil. Bei den Proben zu „damit wir überleben“ haben schon Passant:innen spontan mitgemacht.

JD: Wir arbeiten gewaltfrei, zugewandt und mit Humor. Damit vermögen wir in der Regel Aggressionen, denen wir begegnen, aufzulösen.

In Zeiten verstärkter kultureller Einsparungen erhalten Sie für das neue Stück kommunale Fördergelder. Ist die harsche Kritik an den Entscheidungsträger:innen dieser Maßnahmen aus Stadt, Land und Bund ungerechtfertigt?

kj: Leider erhielten wir nur kommunale Fördergelder, von daher sind wir selbst von den Einsparungen auf Landesebene betroffen. Dass an Sozialem und Kultur als Erstes gespart wird, da darf von Verantwortlichen um 100 Prozent mehr Fürsorge trainiert werden. Bitte zur Performance kommen.

In diesem Sinne könnte das Titelstück auch als Frage umformuliert werden, beispielsweise in „Wie kann man als Kunstschaffende/Kunstschaffender überleben?“

kj: Mmh … vielleicht sind die Strategien gar nicht so unähnlich und es geht auch um das Training von Fürsorge, Balance und Vielseitigkeit.

JD: Unser Stück wendet sich nicht explizit der Überlebensfrage von Kunstschaffenden zu, sondern behandelt das Thema auf übergeordneter Ebene.

Sie sprechen in der Presseankündigung von „einem ersten Schritt“. Wird es Folge-Inszenierungen geben?

kj: Ja, und die sollen bei jedem Teilnehmenden im eigenen Leben, im Privaten und im Alltag stattfinden. Wir können unsere Fürsorgefähigkeiten nur vergrößern, wenn wir sie regelmäßig trainieren.

Ist die Produktion für alle Altersgruppen geeignet?
kj:
Mit der Fürsorge kann man eigentlich nie früh genug anfangen, für unsere Performance brauchen wir Menschen, die selbstverantwortlich leben.

JD: Die Performance wurde mit dem Gedanken an ein erwachsenes Publikum entwickelt, ich denke aber das Jugendliche auch teilhaben können.

Wird es zu Gastspielen in anderen Städten kommen?

kj: Das hoffen wir stark.

Was planen Sie nach dem Überleben?
kj: Das Überleben zu feiern. Und du bist eingeladen.

„damit wir überleben“ – Ein performatives Fürsorgetraining im öffentlichen Raum von Köln | katze und krieg | 17./18./19.9. 18:30 Uhr | Treffpunkt: Platz gegenüber Mörsergasse 10, 50667 Köln | Dauer: ca. 90 Min. + Nachgespräch | Barrierefreiheit: Rollstuhlgerechte Performance, Abholservice von der nächstgelegenen Bahnstation | Kartenreservierung und Abholservice: info@katzeundkrieg.de | Tel: 0176 45615213 | www.katzeundkrieg.de

Interview: Thomas Dahl

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