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Dramaturgin Wiebke Rüter
Foto: Thomas Dahl

„Ich verstehe mich als Lektorin der Geschichten“

28. August 2026

Dramaturgin Wiebke Rüter über „In bester Lage“ am Schauspiel Köln – Premiere 08/26

Nach 14 Jahren kehrt das Schauspiel an die sanierte Stätte am Offenbachplatz zurück. In der ersten Inszenierung entfesselt eine Immobilie mit Eigentumswohnungen Träume von Wohlstand und Ängste vor dem finanziellen Ruin.

choices: Wiebke Rüter, zur Bewerbung der neuen Uraufführung am Schauspiel kündigt das Haus eine „Gebäudekomplex-Komödie“ an. Wäre eine Tragödie hinsichtlich der aus dem Rahmen gelaufenen Sanierungskosten – ca. 1,5 Milliarden anstatt 253 Millionen Euro – nicht angemessener?

Wiebke Rüter: Das Stück hat ja den Untertitel „Komödie über das Trauerspiel im Eigentum“. Es entstehen auch für die „Eigentümer“ finanzielle Situationen, die nicht immer lustig sind. Beides steckt drin, aber es ist natürlich befreiender, über die Absurdität des Lebens zu lachen als zu darüber zu weinen.

Stehen Komödien in der Gunst des Publikums höher als Inszenierungen ohne Lacheffekt?

Das würde ich pauschal nicht so sagen. Es geht immer darum, dass ein Stück gut gemacht sein muss. Das Publikum soll sich eingeladen fühlen, daran teilzuhaben. Im besten Falle können Inszenierungen dazu beitragen, über sich selbst zu lachen oder Perspektiven auf Situationen zu erhalten, die man vorher nicht hatte.

Wie stark lastet der Druck auf Ihnen und dem Ensemble, mit der Rückkehr an den Offenbachplatz nicht nur ein gutes, sondern ein medial gefeiertes Werk abzuliefern?

Man ist sich der Verantwortung auf allen Positionen sehr bewusst. Es ist uns ein Herzensanliegen, etwas Besonderes aus der Aufführung für die Menschen in dieser Stadt zu machen. Es gab in den Proben bereits wahnsinnig emotionale Momente, beispielsweise bei den Darsteller:innen, die vor der Schließung noch im alten Schauspielhaus auf der Bühne standen und nun zurückkehren.

Die Vorlage für das Stück stammt vom Autoren-Duo Kristof Magnusson/Gunnar Klack und spielt in einem Mehrfamilienhaus. Das Skript erscheint erst im Oktober nach der Uraufführung. Wie erfuhren Sie von der Story oder handelte es sich gar um eine Auftragsarbeit?

Ja, es handelt sich um eine Auftragsarbeit. Unser Regisseur Kay Voges hat schon öfter mit Kristof Magnusson gearbeitet (unter anderem bei „Männerhort“ und „Apokalypse Miau“, Anm. d. Verf.). Das ist über die Jahre gewachsen. Kristof Magnusson war ja bereits Stadtschreiber in Bonn. Kay hat ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, ein Stück für Köln zu schreiben.

Die Abbildung von Themen, die in der Gesellschaft falsch laufen, etwa Wohnungsnot oder fehlender Raum für Kulturangebote, gehört zum Bildungsauftrag des Theaters. Wie konstruktiv hinsichtlich der Aufzeigung von Lösungen ist das Stück?

Vielleicht geht es im Theater nicht immer darum, Antworten parat zu haben, sondern Lösungsansätze „zu riechen“, im Sinne eines Denkanstoßes für die Zuschauer:innen. Wir wollen aufzeigen, wie schwierig es sein kann, in der Gesellschaft zu einem nachhaltigen Konsens zu kommen und dabei sowohl für sich selbst zu sorgen als auch an die Allgemeinheit zu denken.

Sie sind jetzt seit einem Jahr in Köln. Wie einfach war es, hier eine Wohnung zu finden?

Das war wahnsinnig schwer.

Der Einfluss einer Dramaturgin/eines Dramaturgen tritt oftmals in der öffentlichen Wahrnehmung hinter das Wirken der Regisseurin/des Regisseurs zurück. Wo sehen wir Ihre Handschrift in der Inszenierung?

Ich verstehe mich bei Auftragswerken grundsätzlich als eine Art Lektorin der Geschichten. Darüber hinaus macht man sich Gedanken über die Schauspieler:innen, die dafür in Frage kämen. Ich sehe mich als Beraterin und Kommunikatorin und stelle mich in den Dienst der Sache. Das ist mir das Wichtigste.

Mit welchem der zahlreichen Charaktere in der Produktion können Sie sich am besten identifizieren, und warum ist das so?

Das Schöne an einer Komödie ist ja, dass die Figuren überzeichnet sind. Niemand in dem Stück ist „der“ Böse oder „die“ Gute. Ich habe eine große Empathie für alle Charaktere und das, was sie tun. In jeder Figur stecken die Macken von uns allen. Vielleicht stehen mir persönlich „Alex 1“ und „Alex 2“ hier am nächsten, weil sie das Thema Nachhaltigkeit sehr beharrlich verfolgen.

War die Interpretation von prekären sozialen Lagen bzw. für verschwenderischen Überfluss ein Kriterium für das Casting der Darsteller:innen, die als Künstler:innen nicht selten an der Existenzgrenze leben?

Nein. Es geht im Stück ja um Wohnungseigentümer:innen. Das sind in der Relation zu anderen Menschen keine armen Leute, auch wenn sie als Anleger:innen durchaus wirtschaftliche Probleme haben können, beispielsweise bei der Rückzahlung von Krediten.

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit in der sanierten Stätte vom Schaffen im Mülheimer Depot?

Da gibt es technisch ganz andere Möglichkeiten auf der Bühne, die in der Halle in Mülheim nicht realisierbar waren, etwa, Dinge zu versenken oder als Mephisto aus dem Untergrund hinauf zu steigen. Für mich ist es am schönsten, dass das gesprochene Wort wieder ohne Mikroports nur durch die Stimme der Spielenden hörbar wird.

Was können Sie über den musikalischen Soundtrack zum Stück von Paul Wallfisch sagen?

Im ersten Teil der Story geht es um eine realistische Klang-Illustration des Hauses, zum Beispiel Türklingeln oder Poltern aus dem Keller. Mit der Zeit verschieben sich die Verhältnisse in eine Absurdität, die sich auch in der atmosphärischen Musik widerspiegelt.

Wäre „In bester Lage“ auch in anderen Städten spielbar oder überwiegt der Köln-Bezug?

Das kann ich mir in einem veränderten Rahmen vorstellen. Natürlich gibt es Köln-Bezüge, zum Beispiel Straßennamen und die Mentalität der Stadtbewohner:innen. Die Inszenierung von Kay Voges und ihre Bildsprache hat viel mit der Baustelle am Offenbachplatz zu tun. Das funktioniert nur hier, wo man vielleicht 14 Jahre lang an diesem Platz vorbeiging und regelmäßig über die neuesten Entwicklungen in der Tageszeitung erfahren konnte.

Verraten Sie uns noch den ersten Satz, Frau Rüter?

„Guten Tag, Paketdienst – können Sie mal aufmachen?“

In bester Lage | 25.9. (UA), 30.9., 2.,10.10. | Schauspiel Köln

Interview: Thomas Dahl

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