Die 1930 in Neuilly-sur-Seine geborene und 2002 in Kalifornien gestorbene Niki de Saint Phalle ist vor allem mit ihren „Nanas“ im allgemeinen Bewusstsein: wuchtig-wulstigen, flächig bunten, zum Naiven hin stilisierten Frauenfiguren, die als riesige Skulpturen im öffentlichen Raum stehen. Das ist tückisch; einerseits hat sie es damit zu einer Anerkennung geschafft, wie sie für zeitgenössische Künstler ungewöhnlich ist. Andererseits wird sie häufig auf die „Nanas“ reduziert, das Wissen um die sonstigen Arbeiten und den Zusammenhang des Ganzen gerät damit aus dem Blick.
Umso wichtiger ist jetzt die Werkübersicht, die im Max Ernst Museum in Brühl die „Nanas“ in das Gesamtwerk einbettet, diese Plastiken selbst aber relativ knapp hält. Niki de Saint Phalle wird hier kaum als die Schöpferin frech-fröhlicher Ideen dargestellt, die sie durchaus auch war, sondern als radikale, kompromisslose Künstlerin, bei der sich vieles aus ihrer Biographie – die traumatischen Erlebnisse als Mädchen, die Zusammenarbeit mit Jean Tinguely – ableitet und begründet.
Niki de Saint Phalle ist erst relativ spät zur Kunst gelangt, Anfang der 1950er Jahre. Nach einem Nervenzusammenbruch ist die künstlerische Betätigung für sie zunächst Therapie; etwas Autodidaktisches und Spontanes, dabei Expressives wird ihre Kunst zeitlebens kennzeichnen. Traumbilder drängen nach draußen, immer stehen Menschen und Handlungen im Zentrum ihrer Darstellungen. Neben Malereien entstehen frühzeitig Collagen, oft in einer überbordenden Detailfreudigkeit, bei der sich Farbfäden und Kleckse verselbständigen und das Bildformat vereinnahmen. Mit ihren Assemblagen, bei denen sie alltägliche Gegenstände, aber auch Waffen auf der Fläche montiert, tritt sie dann um 1960 endgültig in die Gegenwartskunst ein; sie wird Mitglied der wichtigen Pariser Avantgarde-Gruppe Les Nouveaux Réalistes. Aber sie entfernt sich auch augenblicklich wieder vom Realismus, mit ihren Schießbildern, bei denen sie oder andere auf Farbbeutel über den Darstellungen schießen, so dass sich die Farbe teils gesteuert, teils zufällig über die Assemblage ergießt – Kunst wird hier zum kollektiven Happening, trägt aber auch zur Verarbeitung persönlicher Erlebnisse bei; zugleich schwingt politischer Protest (an den Kriegen im Kongo und in Algerien) als Anliegen mit.
Die „Nanas“ entstehen ab Mitte der 1960er Jahre, zunächst wirken sie wie eine Art Erdmütter: Als vibrierend fragile Wesen aus Stoffflächen, die ihr Inneres nach außen kehren. Schon bald aber treten sie glatt (und aus Kunststoff) auf und sind damit als Beitrag zur (europäischen) Pop Art zu lesen. Vor diesem Hintergrund entstehen weitere Werkgruppen, Niki de Saint Phalle wendet sich auch Großplastiken und architektonischen Projekten zu, die nun unter anderem Tierwesen zeigen, und setzt diese nach ihrem Umzug 1994 nach San Diego fort.
Die Ausstellung in Brühl legt den Schwerpunkt auf das Frühwerk. Sie arbeitet dessen malerische Qualitäten zwischen Erinnerungsbildern und ornamentaler Bildfüllung heraus, wobei sehr schnell die Merkmale und Aspekte deutlich werden, die künftig Nikis Werk prägen. Gut ist, dass auch die späten Modelle der landschafts- und architekturbezogenen vielfigurigen Projekte zu sehen sind und dass Peter Schamonis Film über Niki de Saint Phalle gezeigt wird. So überschaubar die Ausstellung zunächst scheint, man kann sich in ihr verlieren, entdeckt immer mehr Bezüge zwischen den Werkgruppen, bedauert, dass nur eines der fragilen Schießbilder ausgeliehen werden konnte und stellt fest, wie viel von den „Nanas“ bereits in den Grafiken vermittelt wird. Nebenbei stellen sich subtile Verwandtschaften zu Max Ernst, dem „Hausherren“ in seiner Heimatstadt Brühl, ein: In den surrealen Ding-Kombinationen, einer spielerischen Herangehensweise, und in den Erfahrungen, die sowohl Max Ernst als auch Niki de Saint Phalle in Amerika gesammelt und künstlerisch umgesetzt haben.
„Niki de Saint Phalle – Spiel mit mir“ | bis 3.6. | Max Ernst Museum des LVR in Brühl | www.maxernstmuseum.lvr.de
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