Architektur erfüllt ästhetische Ansprüche, vermag lapidar und sachlich oder opulent und spektakulär zu wirken, und Architektur ist funktional: Menschen wohnen und arbeiten in ihr, sind in ihr vor Witterungseinflüssen und der Öffentlichkeit geschützt, sie ziehen sich zurück oder treffen sich oder erfüllen ihren Job. In zwei Ausstellungen, die sich auf kongeniale Weise ergänzen, präsentiert jetzt das Museum für Angewandte Kunst beide Sichtweisen: Sie zeigt, wie funktional und konzeptuell durchdacht die Bauten des Kölner Stararchitekten Oswald Maria Ungers sind. Und sie stellt den Architektur-Fotografen Hans Georg Esch vor, der sich besonders einzelnen Details ganz unterschiedlicher Gebäude zuwendet.
Während in der Ausstellungshalle des MAKK in offener Präsentationsform Ungers anlässlich seines 100. Geburtstags als eine Art Gesamtkünstler vorgestellt wird, der auch die Innenausstattung im Blick hat, erhält Esch mit seinen Fotografien in variabler Hängung die beiden Stockwerke darüber. Esch wurde 1964 in Neuwied geboren; er lebt in Hennef, ist auch als Filmemacher tätig und widmet sich in Teilen seines Werkes einer dezidiert künstlerischen Ausrichtung. Ohnehin bleibt er eigenständig und originell. Er reagiert mit seinen Aufnahmen auf Situationen und lässt sich von diesen leiten. Er arbeitet in Farbe und Schwarzweiß, im großformatigen wie im kleinen Abzug. Er zeigt fotografische Sequenzen, mit denen er sich einem Gebäude annähert, oder beschränkt sich auf eine einzige Aufnahme, die das Wesen des Gebäudes konzentriert. Bei all dem geht es ihm um die innere Struktur, die Organisation der Bauteile, die aus dem funktionalen Gebilde ein autonomes Werk schafft. So richtet er die Kamera nach oben, sodass die Kanten vor dem Himmel wie ausgeschnitten wirken, oder blickt steil in die Tiefe. Auch widmet er sich Architektur in der Antike, etwa in Pompeji. Die Architektur des 20./21. Jahrhunderts aber dominiert – bis hin zu seinen radikalen Aufnahmen von Stuttgart 21. Die Perspektive der Aufnahme wechselt und mit ihr der Grad des Erkennens und der Erkenntnis; jedoch gibt er in der Bildlegende stets an, um welches Gebäude es sich handelt.
Auch Gebäude von Ungers gehören zu den hier – teils etwas füllig – ausgestellten Fotografien. Das ist umso hilfreicher, als Ungers‘ bekanntester Bau in Köln ausgerechnet jetzt geschlossen wurde: das Wallraf-Richartz-Museum. In Düsseldorf stammt, wesensverwandt, der Neubau des Kunstpalastes im Ehrenhof von ihm, aber in der Ausstellung im MAKK werden nicht diese klassischen Museen, sondern andere Projekte vorgestellt.
Ohnehin liegt der Fokus auf seinem Konzept und auf der Umsetzung. Grundmodul seines Werkes ist der Kubus; dieser Neutralität und Sachlichkeit entspricht die Wertschätzung weißer Wände und großer Fensterscheiben, auch bei Privathäusern. Treppen sind ein sinnstiftendes Element, das Gebäudeteile verbindet. Ungers hat etliche repräsentative Bauen – Botschaften, Museen und Bibliotheken – entworfen und bei diesen die Klarheit, Gliederung und das Feierliche noch gesteigert. Exemplarisch sind nun einzelne Bauten mit Federskizzen, Konstruktionsskizzen und Modellen vertreten, noch als Verdeutlichung, wie er sich über längere Zeit seinen Aufgaben angenähert und diese durchdacht hat. Entsprechend würdigt ihn das Museum für Angewandte Kunst als Theoretiker und stellt ihn auch als Buchautor vor, bei dem bereits die Form des Buches an die Struktur der Bauten anschließt. Und das verbindet dann eben den Architekten und den Fotografen: Beide analysieren die Grundbedingungen von Baukunst, vermitteln das Zusammenspiel von Ästhetik und Gebrauch, gerade auch im Sinne ganzheitlichen Erlebens.
Hans Georg Esch: Der architektonische Blick. Epochal – global | O.M. Ungers – Architektur als Idee | bis 27.9. | Museum für Angewandte Kunst
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