Schmuck ist konform und nicht konform. Er ist eine Zierde des Körpers und bricht von Mal zu Mal mit Regeln und Erwartungen. Er kann rein auf seine ästhetische Erscheinung hin geschaffen sein, aber auch tiefere Aussagen und persönliche Statements enthalten. Schmuck kann provokant sein, immer ist er ein Zeugnis seiner Zeit, mitunter Ausdruck von Verbundenheit mit anderen Menschen und vielleicht von Luxus und Wohlstand. Auch wenn er den Konventionen der Tragbarkeit folgt, ist er nicht auf ein bestimmtes Material oder ein Format festgelegt.Natürlich haben sich auch Künstler:innen dieser kleinen Skulpturen angenommen, unter den Vorgaben des Angewandten wie z.B. der seriellen Produktion und der praktischen Tragbarkeit, oder sie haben dagegen verstoßen.
Derzeit sind im Museum für Angewandte Kunst gleich zwei Ausstellungen mit Schmuck zu sehen, die sich kongenial ergänzen. Weit gefasst ist die Präsentation mit Schmuckstücken aus der eigenen Sammlung des Museums, die Exponate vom 5. Jahrtausend v.Chr. bis heute umfasst, produziert von (unbekannten) Handwerker:innen und Spezialist:innen für dieses Genre, aber auch ausgewiesenen Künstler:innen. Gegliedert ist die Auswahl auf Schautafeln nach Kriterien der Chronologie, des Gebrauchs und Zusammenhangs, der Bildsprache und des Emotionalen, wobei die kreativen Produzent:innen selbst in den Hintergrund treten. Demgegenüber stellt die Schau im zweiten Obergeschoss ausschließlich Exponate von freien bildenden Künstlerinnen seit den 1920er-Jahren vor, durchweg von Frauen, die als Persönlichkeiten mit einem Individualstil hier nun in den Vordergrund treten.Nun werden auch weitere Aspekte von Schmuck deutlich, die um Identität, Rollenzuschreibungen und Individualität kreisen.
Helen Britton, All the beautiful colours I could find, 2023, Collier, © Künstlerin, Foto: Dirk EiseiVoilà! Etliche bekannte Namen sind hier vertreten, die man im Bereich des Schmucks kaum vermutet hat. Andere, weniger bekannte Künstlerinnen sind vielleicht mehr mit Schmuckkunst in Erscheinung getreten oder stehen am Anfang ihrer Karriere. Die älteste Teilnehmerin ist Sophie Taeuber-Arp, und über Louise Nevelson und Jenny Holzer oder Rosemarie Trockel führt die Präsentation zu den Künstlerinnen der jüngeren Generation wie Alicja Kwade und Claudia Comte. Neben die Funktion als Schmuckstück, die klar ausgewiesen ist, treten gesellschaftliche Aussagen und die Frage, inwieweit sich der Schmuck mit dem Vokabular der freien Kunst deckt. Da sind die Motive, die in den neuen Kontext übersetzt wurden, etwa die Spinne von Louise Bourgeois (eine Brosche) oder eine Textzeile von Yoko Ono (ein Fingerring). Rita McBrides Fingerringe „Mae West“ erinnern im kleinen Format an ihre großen zentralen Skulpturen im öffentlichen Raum.Louise Nevelson verwendet auch jetzt schrundige Holzstücke und Meret Oppenheim arbeitet weiterhin mit Pelz undReadymades.Mitunter ist Schmuck doch mehr als Kunstwerk denn als Gebrauchsgegenstand verstanden – und dann wird er, dezent infiltrierend, zum politischen Statement.Ganz einfach, Schmuck kann hoch artifiziell und sehr kritisch sein.
Von Louise Bourgeois bis Yoko Ono. Schmuck von Künstlerinnen | bis 26.4. | Museum für Angewandte Kunst | 0221 22 12 38 60
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Kunst zum Tragen
Schmuck von Künstlerinnen im MAKK
Appell an die Menschlichkeit
Navid Kermanis Lesung im MAKK – Lesung 10/25
Spiel mit der Melancholie
Andreas Staier im MAKK – Musik 11/23
Sehen in Lichtgeschwindigkeit
Horst H. Baumann im Museum für Angewandte Kunst – kunst & gut 10/23
Der Baum in uns allen
„Between the Trees“ im MAKK – Kunstwandel 03/23
Frieden im Nachruhm
Auch im Rückblick frech: „Pentagon“ im MAKK – kunst & gut 04/20
Immer Keramik oder Weberei
Frauen am Bauhaus – Ausstellungen in Köln und Bonn – Kunst 06/19
Mehr als Bananen
Andy Warhols Plattencover im MAKK – das Besondere 11/18
Kunst macht Gestalt
Peter Behrens im Museum für Angewandte Kunst – das Besondere 04/18
Und es ward Licht
Lichtkunstprojekt „Collumina“ feiert Premiere – Kunst 03/18
Bedürfnis nach Musik
Diskussion „Von der Unfreiheit der freien Musikszene“ bei der Kölner Musiknacht – Spezial 10/17
Macbeth trifft Super Mario
„Im Spielrausch“ eröffnet im Museum für Angewandte Kunst – Kunst 08/17
Ein Bewusstseinsrausch, der anhält
ökoRausch Festival für Design und Nachhaltigkeit im MAKK – Spezial 05/17
Umso einfacher
Stefan Diez im Museum für Angewandte Kunst – kunst & gut 03/17
Bleistift mit Niveau
Willy Fleckhaus im Museum für Angewandte Kunst – kunst & gut 10/16
Ein Lächeln auf den Lippen
„Smile!“ in den Fotoräumen des Museum Ludwig – kunst & gut 02/26
Käthe Kollwitz entdecken
Wiedereröffnung des Käthe Kollwitz Museums am Neumarkt – kunst & gut 01/26
Bilder in Sorge
„Amazônia“ von Sebastião Salgado im Rautenstrauch-Joest-Museum – kunst & gut 12/25
Mahnmal gegen Unmenschlichkeit
„Die Verleugneten“ im Kölner NS DOK – Kunst 11/25
Gegen den Strom
„Make the secrets productive!“ im Kolumba – kunst & gut 11/25
Grau-Weißer Farbenrausch
Steffen Lenk in der Galerie Anke Schmidt – Galerie 10/25
Kunstwerk Demokratie
„We … Together“ im NS Dokumentationszentrum – Kunst 10/25
Das Konzept der Fotografie
Bernd und Hilla Becher in der Photographischen Sammlung – kunst & gut 10/25
Morpheus Erbarmen
Sebastian Fritzsch in der Temporary Gallery – Kunst 09/25
Licht sehen
Johanna von Monkiewitsch in der Kunst-Station Sankt Peter – kunst & gut 09/25