Freundlichkeit ist der Pawlow-Reflex der Dienstleistungsgesellschaft. Je mehr Callcenter, desto mehr aufgeputzte Dienstfertigkeit. Man kann sich vor akustischen Grimassen kaum noch retten. Teflongesichter der Freundlichkeit wünscht sich auch Olivia, die Filialleiterin des neuen „Nō Nō Nō“-Supermarkts. Das erfordert allerdings ein konstantes Training des Personals. Die Dauerverzerrung der Gesichtszüge als Normalität erscheinen zu lassen, gehört zur großen Kunst mimischer Konditionierung. Nur so, glaubt Olivia, lässt sich das ultimative Konsumparadies aus der Taufe heben. Gavin Quinn vom Pan Pan Theatre ist inzwischen schon ein regelmäßiger Gast am Theater Bonn. Nach „Schöne neue Welt“ und „Der Sturm“ erarbeitet er nun erstmals mit dem Ensemble ein eigenes Stück. Unter dem Titel „Nō Nō Nō“ macht er sich am Theater Bonn sarkastische Gedanken über die Absurdität der Konsumgesellschaft.
Wenn sich die Maske der Freundlichkeit dann festfrisst, die Selbsttäuschung sich einfräst in die Gesichtszüge, kann das Überleben in der Gesellschaft beginnen. April und Frank leben mit ihren Kindern in einem amerikanischen Suburb-Shithole der 1950er Jahre. Das Duo ist irgendwann einmal in dieser Kleinbürgerhölle gestrandet. Er ist Angestellter, sie Hausfrau, doch beide halten sich für etwas Besseres, träumen von einem anderen Leben. Das hohle Codewort dafür lautet „Paris“. Frank hält sich für einen Sartre-Avatar und träumt von einem intellektuellen Leben, April dagegen fantasiert von der Schauspielerei – beide übertünchen aber damit nur ihr eigenes spießiges Leben. Richard Yates‘ 1961 veröffentlichter Roman „Zeiten des Aufruhrs“ ist eine beißende Analyse, die nicht nur den American Way of Life verteufelt, sondern auch die ironische Selbstdistanzierung als unabdingbaren Teil des Systems entlarvt. Mehr Tristesse geht nicht. Die Acting Accomplices unter Regisseur Thomas Ulrich bringen Yates in der Orangerie auf die Bühne.
Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, ist Flexibilität gefragt. Die Freundlichkeitsgrimasse wendet sich wie die Wetterfahne dahin, woher der Wind des Geldes weht. In Ödön von Horváths Hotel „Zur schönen Aussicht“, das Sebastian Kreyer am Theater Bonn inszeniert, gibt es schon lange nichts mehr zu sehen. Keine Gäste außer der Baronin, die den Niedergang von Hoteldirektor Strasser, samt Kellner Max und Chauffeur Karl jedoch nur verzögern kann. Trotzdem klammert man sich aneinander – bis Christine sich einlogiert. Die frühere Geliebte Strassers ist auf der Suche nach dem Vater ihres Nachwuchses, stößt aber auf eine hämische Mauer der Verweigerung. Keiner will sich die Unterhaltszahlungen aufbürden – bis bekannt wird, dass Christine eine Erbschaft gemacht hat. Plötzlich wird die als Hure geschmähte Mutter zum Objekt der Begierde und die Freier stehen freundlich Schlange.
„Nō Nō Nō – Tücken und Abgründe des Amerikanischen Traums“ | R: Gavin Quinn | 12.4.(P) 20 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08
„Zeiten des Aufruhrs“ | R: Thomas Ulrich | 27.(P), 28.4. 20 Uhr, 29.4. 18 Uhr | Orangerie | 0221 952 27 08
„Zur schönen Aussicht“ | R: Sebastian Kreyer | 20.(P), 25.4. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08
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