Giorgio Pellegrini, dem Kunstkritiker und Kulturdezernenten der sardischen Stadt Cagliari, hätte man bei der Pressekonferenz in der SK Stiftung Kultur gerne länger zugehört: Zu jedem Foto von August Sander wusste er Details aus der Vergangenheit der Insel und ihrer Gegenwart zu berichten. August Sander war auf seiner Rundreise, die er im März/April 1927 gemeinsam mit dem Schriftsteller Ludwig Mathar unternommen hat, ein höchst aufmerksamer Beobachter, der Wesentliches dieser Insel, ihre Sehenswürdigkeiten und stillen Besonderheiten, und ihrer Bewohner zu sehen vermochte und in seinen Fotografien herausgearbeitet hat. Dabei wechselt er zwischen Architektur- und Landschaftsfotografie und porträtierenden Aufnahmen der Berufsstände in ihren Trachten. Sander arbeitet überwiegend in s/w im Innen und Außen. Seine Lichtbilder schweifen in die Ferne und bannen die Details der Nähe. So tasten sie auch Skulpturen der Renaissance ab – überhaupt, so Giorgio Pellegrini, sei dies auch eine Ausstellung über Steine: mit Architektur, Kunst, Straßenpflaster und Felsen. Auch was die Wahrnehmung der Atmosphäre des historischen Sardinien betrifft, ist August Sander, dem 1876 geborenen und 1964 in Köln gestorbenen Fotografen, eine Großtat gelungen.
Als Sander nach Sardinien reiste, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere – seine Typologie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ war bereits angelegt, ihre Ausstellung im Kölnischen Kunstverein stand bevor. Die Zeit für Sardinien aber nahm er sich. Sardinien befand sich in dieser Zeit am Anfang der technischen Moderne, die Ortschaften kennzeichnet noch das Ursprüngliche. Sander hat auf jeder Station fotografiert, und die Ausstellung in der Photographischen Sammlung folgt nun der Chronologie der Reise. Sie ist eine Premiere. Erstmals sind die Fotografien zu Sardinien umfassend ausgestellt, von den über 300 erhaltenen Negativen, Autochromen und Vintages ist etwa die Hälfte mit originalen Abzügen zu sehen. Fast alle Bilder stammen aus dem August Sander-Archiv, das in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur beheimatet ist.
August Sander selbst hat seinem Sardinien-Projekt übrigens einige Bedeutung beigemessen. Er rettete die Negative vor den Bombardierungen Kölns im Zweiten Weltkrieg. Und er wandte sich ihnen in den 1950er Jahren wieder zu, indem er weitere Vergrößerungen anfertigte und diese in Mappen zusammenfasste. Mit seinen Fotografien gibt er schließlich der Insel ein überzeitliches Gesicht, mit einer Objektivität, bei der er sich selbst zurücknimmt. August Sander ist aufmerksamer, sorgfältiger Chronist, der hier seine unterschiedlichen Arbeitsfelder wie selbstverständlich vereint. Also, hier deutet sich noch das ganze Spektrum des großen, damals revolutionären Fotografen an.
August Sander: Sardinien 1927, bis 21. August in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur im Mediapark Köln, www.photographie-sk-kultur.de
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