Das bundesweite Festival findet in diesem Jahr vom 12.-15. November statt. Von insgesamt 42 Veranstaltungen werden 15 Events in Köln zur Aufführung kommen, unter anderem im CCCC Kreationszentrum Kalk, im Kölner Künstler:innen Theater und in der TanzFaktur. choices sprach mit Organisator und Artist Dominikus Moos über relative Zirkustheorien und das weite Rund der Klischees.
choices: Dominikus Moos, wann ist ein Zirkus zeitgenössisch, wenn wir doch gelernt haben, dass Zeit ein relativer Faktor ist?
Dominikus Moos: Gerade weil Zeit relativ ist, definiert sich der Zeitgenössische Zirkus nicht über einen festen Punkt auf dem Zeitstrahl, sondern über seine dynamische Beziehung zur Gegenwart. Das bedeutet konkret: Er verhandelt gegenwärtige Diskurse wie die Klimakrise, die Konsumgesellschaft, Gendernormen oder mentale Gesundheit und verzichtet auf die historische Zurschaustellung des „Exotischen“ oder die Unterwerfung von Tieren. Ein Zirkus ist genau dann zeitgenössisch, wenn er aufhört, bloß eine sentimentale Postkarte aus der Vergangenheit zu sein. Oder besser gesagt: Wenn er diese Postkarte doch nutzt, dann als bewusstes ästhetisches Mittel, um heutige Themen zu verhandeln. Es kommt dann zu einer reflektierten Meta-Ebene. Gleichzeitig gibt es nicht den einen Zeitgenössischen Zirkus – es existieren viele verschiedene Strömungen und Interpretationen. Manche Produktionen sind vielleicht aus meiner Sicht zeitgenössisch, aus ihrer eigenen aber nicht und andersherum.
Zirkus ist demnach politisch und gegenwartsbezogen.
Klar, genauso wie andere Kunstformen auch. Es geht um das Aufbrechen von Stereotypen und Geschlechterrollen, das aus der Norm fallen, um's Trainieren von Fantasiemuskeln und viele weitere Themen.
Dagegen erscheint die Bezeichnung Zirkus bzw. Circus jedoch überholt, da sie veraltete Denkmuster füttert.
Auch heute wird im Zirkus weiterhin mit verschiedenen Kreisen und Ringen gearbeitet. Manche Stücke haben eine runde Bühne, andere arbeiten mit Hula-Hoops, mit Loops, mit Jonglierringen, mit Cyr Wheels (Akrobatik-Gerät, ähnlich dem Rhönrad, Anm. d. Verf.). Aber auch abgesehen davon erlebt der Begriff durch den Zeitgenössischen Zirkus/Nouveau Cirque eine tiefgreifende inhaltliche und künstlerische Emanzipation. Es wird sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandergesetzt aber auch ganz klar anders weitergearbeitet. Die lateinische Herkunft beschreibt erstmal nur die Architektur der Manege. Im Gegensatz zum klassischen Guckkasten-Theater, das eine klare Trennung zwischen Bühne und Publikum vorgibt, ermöglicht die Kreisform eine 360-Grad-Perspektive. Diese Form kann im Zeitgenössischen Zirkus bewusst als nahbarer, demokratischer und inklusiver Raum genutzt werden.Am Ende steht dann die Frage: Warum sagen wir überhaupt Zeitgenössischer Zirkus? Das ist letztlich der Versuch, sich vom ausschließlich Nostalgischen zu lösen. Und es sagt uns, dass wir eben doch weiter Zirkus machen – nur etwas moderner oder freier. Aber wenn wir ehrlich sind: Am Ende ist in seiner eigenen Gegenwart vielleicht einfach alles zeitgenössisch.
Was erwartet denn die Besucher:innen zum Auftakt des Festivals im CCCC?
Ein Überblick in Form von 5-minütigen Ausschnitten aller am Wochenende spielenden Stücke. Das ist super, um einen Gesamtüberblick zu bekommen.
Der Eintritt zur Eröffnungsshow ist frei. Wie wird das Programm finanziert?
Das Zeit für Zirkus Programm in Köln und Bonn wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, dem Regionales Kultur Programm NRW (RKP), dem NRW KULTURsekretariat, dem Kulturamt der Stadt Köln, der RheinEnergieStiftung Kultur und dem IIC Colonia – Italienisches Kulturinstitut Köln
Ein Großteil der kommenden Veranstaltungen findet in Köln statt. Wie kooperativ zeigte sich die Stadtverwaltung im Zuge der Event-Vorbereitungen? War sie eine Hilfe?
Susanne Beschorner und ich sind nur Mitveranstalter der Veranstaltungen im CCCC und der Eröffnung. Das gesamte Festival in Köln und Bonn wird organisiert von einem eigenen kleinen Orgateam mit dem wir im engen Austausch stehen. Ich bin insbesondere für die Eröffnung vertreten. Wir haben aber beispielsweise mitbekommen, dass die Absprachen mit der KVB bezüglich der Performance von Unanim in der U-Bahnstation Heumarkt immer gut laufen.
„Es geht um das Aufbrechen von Stereotypen und Geschlechterrollen, das aus der Norm fallen.“
Fühlen Sie sich in Bezug auf andere darstellende Kunstformen eigentlich gleichbehandelt und in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Ja und nein. Zirkus als Begriff lädt oft eine breitere Menge an Menschen ein als Theater oder Tanz. Zirkus erscheint gesellschaftlich immer noch etwas weniger „gehoben“ und ist somit auch durch den Begriff schon etwas offener. Zeitgenössischer Zirkus erfüllt das aber auch schon wieder nicht mehr. Zirkus wird oft auf Attraktion und Unterhaltung reduziert. Er ist darüber hinaus eine Kunstform. Das zeigt sich jedoch nicht in der Förderlandschaft. Die Stadt Köln hat beispielsweise nur die Fördersparten Tanz und Theater.
Was ist das größte Klischee in Bezug auf Zirkus?
Clowns, Popcorn und Zuckerwatte. Zirkus ist aber nicht immer nur witzig, das kommt ganz auf das Stück an.
Wie steht es um den Nachwuchs?
In Frankreich, Belgien, Niederlanden kann Zirkus studiert werden. In Deutschland gibt es aktuell keine einzige Zirkushochschule. Dies ist ein zentraler Punk um den Nachwuchs zu fördern und zu ermöglichen. Unsere Vision ist es, irgendwann einen Bachelor „Zeitgenössischer Zirkus“ im CCCC und in Köln zu haben. Überdurchschnittlich viele Kinder- und Jugendzirkusse gibt es bereits in ganz Deutschland.
Welche Berufsfelder bietet der Zirkus abseits der Performer:innen und in welchen Jobs herrscht dort akuter Bedarf?
Zirkusartist:innen neigen dazu, Allrounder zu sein: Kostüme machen, sich um die Öffentlichkeitsarbeit und das Booking kümmern usw. Damit sich Zirkusmenschen nur auf das Proben, das künstlerische Schaffen und Performen auf der Bühne konzentrieren könnten, bräuchte es mehr Geld, um all diese Bereiche bezahlen zu können. Es gibt beispielsweise Bedarf an Lichttechniker:innen, die für Zirkus sensibilisiert sind aber auch an Kompanien, die diese einstellen.
Gibt es aktuelle künstlerische als auch unternehmerische Tendenzen, die Sie in Ihrer Szene
wahrnehmen?
Ja. Durch das CCCC werden mehr Stücke in Köln produziert.
Für welchen Programmpunkt würden Sie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer live in der Manege einbinden wollen?
Wolfram Weimer kann unsere Sparte gerne erstmal zuschauend kennenlernen. Falls er eingebunden werden möchte, kann er sich aber auch an uns wenden.
Zeit für Zirkus Köln | 12.11. 19 Uhr (Eröffnung) | CCCC – Kreationszentrum Zeitgenössischer Zirkus | 90 Minuten | Rollstuhlgerecht | Eintritt frei | www.zeitfuerzirkus.de
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