Gott hat in Comics Hochkonjunktur. Meist – klar – als Witzfigur: Fils „Didi & Stulle“, Ralf Königs „Prototyp“ und „Archetyp“, Robert Crumbs „Genesis“ und jetzt „Faust – Der Tragödie erster Teil“ von Flix. In der Geschichte, die zuerst in der FAZ erschien, wettet der Teufel mit Gott, dass er den Berliner Taugenichts Heinrich Faust auf seine Seite zieht – man kennt die Story. Flix versetzt Goethes Thema fröhlich-dreist in die Gegenwart und kann dem einiges an Humor abgewinnen. Der Band ist hübsch im klassischen Reclam- Design gestaltet (Carlsen). Hier kommt er nur im Titel vor: „Ein Vertrag mit Gott“ markiert so etwas wie den Beginn des modernen Comics. Natürlich gab es in den 60er und 70er Jahren den Comix-Underground für Erwachsene, aber erst mit Will Eisners Werk von 1978 erhielten Comicgeschichten eine der Komplexität des Romans entsprechende Form, die Eisner sogleich Graphic Novel taufte. Ein Ausdruck, der erst 30 Jahre später seinen Siegeszug antreten sollte und sich nun auch langsam hierzulande durchgesetzt hat. Der schicke Sammelband von Carlsen vereint Eisners titelgebende Mietshausgeschichten, „A live force“ von 1983 und „Dropsie Avenue“ von 1995. Mit zwei weiteren Bänden soll die Eisner-Bibliothek bei Carlsen komplettiert werden. Um im Bild zu bleiben: Das ist unbestreitbar die Bibel der Comic-Connaisseure.
Der Aschermittwoch ist ein bescheidenes Datum. Und damit ist nicht der politische gemeint. Nubbel und Hoppeditz brannten bereits gestern für unsere irdischen und ihre nicht ganz so irdischen Verfehlungen. Längst ist zumindest die närrische Fraktion wieder damit beschäftigt, das eigene System zu reseten. In vierzig Tagen, pünktlich zu Ostern, sollte es auf Anfang stehen. Bis dahin heißt es fasten und sich, wenn schon nicht das eigene, so doch zumindest das weltliche Elend zu Gemüte führen.
Brian Fies hat in „Mutter hat Krebs“ autobiografische Erlebnisse verarbeitet. Mit seiner neuen Graphic Novel „Und wir träumten von der Zukunft“ scheint er zunächst auch Autobiografisches zu erzählen – diesmal vom Vater: 1939 gehen Vater und Sohn gemeinsam auf die Weltausstellung und sind fortan gebannt vom technischen Fortschritt. In den 40er bis 60er Jahren schwelgen sie in Zukunftsutopien, denen die Gesellschaft mit der Mondlandung rasch näher kommt. Doch dann gehen die Interessen langsam auseinander: Der Sohn findet in Angesicht von Kaltem Krieg und anderen Problemen die technische Entwicklung zunehmend problematisch, während der Vater weiter naiv staunt.
„Knüpf das Buch an einem Faden auf. Schleudere es wild herum. Lass es gegen Wände knallen“. „Brenne ein Loch in die Seiten“. „Benutze das Buch als Fliegenklatsche“. „Fahre mit dem Fahrrad über die Seiten“. Gegen diesen offenen Aufruf zur Gewalt gegen Bücher sind kleine Missgeschicke wie Kaffeeflecken, Fingerabdrücke oder Eselsohren eher Lappalien im Umgang mit dem einstmals ehrfürchtig behandelten Wissensträger. Sicher, Bücher sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Oftmals schnell zusammengeleimt, mit lieblosem Layout und schreiend geschmacklosen Titelillustrationen, laden sie nicht gerade dazu ein, sie als tröstende Begleiter bei sich zu tragen. Aber in den letzten Wochen scheint sich das Klima gefährlich zuzuspitzen, zur offenen Lynchjustiz rief die Agentur Mixtvision in ihrer Publikation „KeinBuch“ auf. Wie man ein Buch mit sadistischem Einfallsreichtum vergewaltigt, konnte man auf der Messe in Frankfurt in aller Ausführlichkeit betrachten.
Elf Jahre nach Benjamin Lebert hat die Literaturszene ein neues Wunderkind: Die 17jährige Helene Hegemann legt mit „Axolotl Roadkill“ ihren ersten Roman vor. Wie Lebert ist auch Hegemann eine Schulabbrecherin, Ihr Roman eine Aufarbeitung von Jugend und Pubertät, von Grenzerfahrungen auf dem Weg ins Erwachsensein. Doch anders als Lebert ist Helene Hegemann nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht: Schon 2007 wurde das Theaterstück „Ariel 15“ der damals 15Jährigen im Berliner Ballhaus Ost uraufgeführt, kurz darauf folgte eine Hörspieladaption des Deutschlandradios. 2008 mischte Hegemann die Filmszene auf, als ihr Drehbuch- und Regiedebüt „Torpedo“ Premiere feierte. Der Film wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet und lief bundesweit in den Kinos. Das Drehbuch schrieb sie bereits mit 14. In dem Episodenfilm „Deutschland 09“ spielte sie eine der Hauptrollen im Beitrag von Nicolette Krebitz. Nun also der Wechsel ins literarische Fach: „Ich hatte Lust darauf, mich den Figuren, über die ich etwas berichten will, auf eine andere Form zu nähern. Nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte, habe ich über eine Literaturagentin einen Verlag gefunden.“
Die wichtigste Seite des Programmheftes ist die Rückseite. In Schwarz und Gold ist das dralle kleine Heftchen gehalten, auf dessen Cover triumphierend „Das zehnte Mal“ verkündet ist.
Zeit ist heute das kostbarste Gut. In manchen Tarifverträgen wird mittlerweile auf Geld zugunsten von mehr Freizeit verzichtet. Niemand hat Zeit, Erwachsene ebenso wenig wie Kinder. Deshalb gibt es auch viele Gründe, nicht zu lesen.
Die Herausgeber der Zeitschrift „Literaturen“ verkündeten in diesen Tagen, dass sie die Hälfte ihrer Redakteure zum Jahresende entlassen werden, um der Zeitschrift „Opulenz“ zu verleihen, sie gar in ein „Seherlebnis“ zu verwandeln.
Von Thomas Linden Nachdem der Sprecher in den Radionachrichten sachlich gemeldet hat, wie die Zusammensetzung des neuen schwarz-gelben Kabinetts aussieht, hebt seine Stimme zu einem versteckten Triumpf an, und dann verkündet er: Das gelbe Regal in Münster existiert auch nach mehr als neun Tagen noch.
Ob eine Sache gut ist, spürt man manchmal daran, dass sie sich gut anfühlt. Würde doch jeder Alltagsgegenstand mit soviel Geschmack und Sorgfalt hergestellt, wie dieser erste Band der neuen Edition 5 Plus.

Dem Tod abgerungen
„Eddos goldenes Lächeln“ von Stella Gaitano – Literatur 07/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Ein Italien der Mythen
Autor Eric Pfeil liest am Comedia Theater aus „Hotel Celentano“ – Lesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26
Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26
Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26
Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26
Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26
Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26