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Christa Wolf
Foto: Helga Paris

Zwischen Erinnerung und Widerspruch

12. Juni 2026

Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26

Drei Jahre vor Christa Wolfs 100. Geburtstag lädt die Christa-Wolf-Gesellschaft dazu ein, das Werk der Autorin in Köln gemeinsam zu lesen und zu diskutieren: Am 17. Juni findet im Buchladen Sülzburgstraße die erste Kölner „Lesestunde Christa Wolf“ statt. Das Format ist offen angelegt: Interessierte können ein Buch von Wolf mitbringen und daraus vorlesen – oder einfach zuhören. „Alles kann, nichts muss“, heißt es in der Ankündigung.

Wolf zählt zu den prägenden Schriftstellerinnen des geteilten und später wiedervereinigten Deutschlands. Romane und Erzählungen wie „Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“, „Kindheitsmuster“, „Kassandra“ oder „Medea. Stimmen“ gehören zum deutschsprachigen Kanon.

Wolf schrieb nie nur privat und nie nur politisch: Ihre Figuren suchen nach Wahrheit, fragen danach, wie Vergangenheit weiterwirkt, und geraten immer wieder in Konflikt mit den Ordnungen, in denen sie leben. Ihre Sprache wirkt oft tastend und offen – suchend, fließend, widersprüchlich.

In „Kassandra“ und „Medea. Stimmen“ erzählt Wolf mythologische Stoffe neu, deren Überlieferung oft von männlichen Helden, Herrschern und Kriegen geprägt ist. Die am Rand stehenden weiblichen Figuren rückt sie in den Mittelpunkt.

An der Seherin Kassandra interessiert Wolf weniger die Prophezeiung vom Untergang Trojas als ihr Scheitern an einer herrschenden Ordnung, die nur noch in Gegensätzen denkt: Wahrheit oder Lüge, Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind. Kassandras Warnungen bleiben wirkungslos. Sie behält Recht und verliert doch in einer Welt, die Zwischentöne nicht zulässt: Zweifel, Angst, Schuld und Mitverantwortung.

„Medea. Stimmen“ greift den Mythos einer Frau auf, die häufig als rachsüchtige Kindsmörderin überliefert wurde, und verschiebt den Blick: Nicht die Tat selbst steht im Zentrum, sondern die Frage, wie eine Frau zur Schuldigen gemacht wird. Medea erscheint bei Wolf als Fremde in Korinth, als Außenseiterin und Projektionsfläche für Ängste und Machtinteressen. Der Roman betrachtet ihre Geschichte aus mehreren Blickwinkeln: Neben Medea selbst erzählen weitere Stimmen davon, wie sich Verdacht, Ablehnung und Verurteilung gegen sie aufbauen. Wolfs Texte fragen häufig: Wer bestimmt, was als Wahrheit gilt? Wer darf sprechen? Und was geschieht mit denen, die eine andere Wahrnehmung der Welt haben?

Gerade weil Wolfs Texte einfache Antworten verweigern, sind sie bis heute aktuell. In Zeiten einer gespaltenen Gesellschaft und des Erfolgs politischer Hardliner erinnern sie daran, wie wichtig Sprache, Zweifel und Selbstbefragung bleiben. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man allmählich zu schweigen aufhören“ – dieses Zitat von Wolf zeigt, dass Sprache bei ihr eng mit Verantwortung verbunden ist. Diese Verantwortung richtet sich jedoch nicht nur nach außen, sondern auch auf das eigene Denken. „Was ich lebendig nenne? Das Schwierigste nicht scheuen, das Bild von sich selbst ändern“, heißt es in „Kassandra“. Darin liegt vielleicht die bleibende Herausforderung ihrer Texte: Gewissheiten zu prüfen und das eigene Bild von der Welt beweglich zu halten.

Wolf wurde nicht nur gefeiert, sondern auch kontrovers gelesen. Nach 1990 wurde besonders ihr Verhältnis zur DDR diskutiert: Vielen galt sie als kritische Stimme innerhalb des Sozialismus, zugleich hatte sie lange an der Idee eines reformierbaren Sozialismus festgehalten. Von 1959 bis 1962 wurde sie unter dem Decknamen „Margarete“ als inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi geführt, später wurde sie selbst über Jahre überwacht. Ihre Texte lassen sich auch deshalb bis heute nicht von den politischen Fragen ihrer Entstehungszeit trennen. 

Lesestunde Christa Wolf | Mi 17.6. 19.30 Uhr | Buchladen Sülzburgstraße | christa-wolf-gesellschaft.de

Ismini Eleftheria Kandilas

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