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Stefan Winges
Foto: Presse

Haare zu lang, Röcke zu kurz

04. Mai 2026

„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Die Männer hießen noch Holger oder Achim, die Frauen Uschi oder Gisela. Aus den Stereoanlagen erklangen Partysound von James Last oder Schlager von Udo Jürgens, unterbrochen von Endzeitballaden der Stones oder der Doors. Köln befand sich in den späten 1960er-Jahren in einem Spannungsfeld zwischen den geschniegelten Anstandsfassaden der Nachkriegszeit und einer Jugend, die diesem Anstand mutig gegen das Knie trat. Eine Zeit der Rebellion, die von Rolf Dieter Brinkmann in seinen Gedichten und von Chargesheimer mit der Kamera eingefangen wurde. Beide lebten im Belgischen Viertel, dort, in der Brabanter Straße, wohnt auch Chrissy, die 21-jährige Protagonistin von Stefan Winges Kriminalroman „Swinging Cologne“. Ein Krimi braucht einen Kommissar, der heißt hier Holger Paffrath, trägt Rollkragenpullover und erinnert mit seinem auffälligen Scheitel an einen in jenen Jahren gehypten Fußballer vom Niederrhein.

Die Story spielt in der Drogenszene der Kölner Ringe, die sich recht harmlos gegenüber dem heutigen offenen Drogenkonsum am 200 Meter entfernten Neumarkt ausnimmt. Chrissy macht sich auf die Suche nach gleichaltrigen Mädchen, die im Umfeld der Diskotheken ins Rockermilieu abgleiten. Es gibt eine Tote im Fort X und dann verschwindet Chrissys Freund Willie. Auf den ersten Blick könnte man vermuten, hier habe jemand lokale Zeitgeschichte gebüffelt und daraus einen Krimi gebastelt. So ist es nicht, man spürt, dass sich Stefan Winges gut in der Kölner Szene auskennt. Zeitbezüge zwischen Musik, Mode, Kneipen und Stadtgeschichte sind klug miteinander verwoben. Daraus entsteht eine Atmosphäre, die kein Namedropping ersetzen würde.

Ein bisschen keusch geht es zu in dieser Geschichte, die sich während der sogenannten „sexuellen Revolution“ abspielt, in der die alte Ordnung von Politik, Familie und Geschlechterbeziehung aufgebrochen wurde. Dennoch überzeugen die Bilder von langhaarigen Jugendlichen und linkischen Erwachsenen, denen die deutsche Vergangenheit noch tief in den Knochen steckt. Dass der Roman etwas lang geraten ist, spielt keine Rolle; es macht Spaß, Stefan Winges bei dieser Zeitreise durch ein Köln zu begleiten, das sich im Aufbruch zu einer neuen Epoche befand.

Stefan Winges: Swinging Cologne | Emons Verlag | 336 S. | 15 Euro

Thomas Linden

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