Während das Gros der Kölner im Februar an nichts anderes als den Karneval denkt, richten sich die Augen der kleinen Spezies der Filmkritiker auf Berlin. Wie in fast jedem Jahr kollidiert der Karneval mit der Berlinale, und die noch kleinere Spezies der karnevalesken Filmkritiker muss einiges an Logistik aufwenden, um beides halbwegs unter einen Hut zu bringen. Die Uraufführung von „Fifty Shades of Grey“ ist sicher für die wenigsten Kollegen ein Anreiz, um nach Berlin zu reisen. Warum die Bestsellerverfilmung auf einem Festival wie der Berlinale Weltpremiere feiert, ist nicht ganz klar. Aber es gibt noch weitere Unklarheiten, wenn man bedenkt, dass sich Nordkorea über die Berlinale-Aufführung der Komödie „The Interview“ echauffiert hat, obwohl der Film dort gar nicht läuft.
Klar ist hingegen, dass es auch in diesem Jahr wieder diese eigentümlichen Wettbewerbsfilme gibt, die außer Konkurrenz laufen. Sie dürfen wegen der Richtlinien oder sollen aus anderen Gründen nicht um einen der Bären konkurrieren, aber trotzdem im Rampenlicht des Wettbewerbs stehen. In diesem Jahr gilt das für „Elser“, den neuen Film von Oliver Hirschbiegel, Kenneth Branaghs „Cinderella“, Bill Condons „Mister Holmes“ und Wim Wenders‘ „Every Thing Will Be Fine“ mit Charlotte Gainsbourg und James Franco. Wenders erhält in diesem Jahr eine Hommage-Reihe und den goldenen Ehrenbären – da wäre eine echte Wettbewerbsbeteiligung sicher etwas viel des Guten.
Unter den wirklichen Wettbewerbsfilmen findet man neue Werke von Andreas Dresen, Sebastian Schipper und Werner Herzog. Peter Greenaway kommt mit einem Film über die Mexikoreise des russischen Filmpioniers Sergei Eisenstein in den 1930er Jahren, Isabel Coixet stellt den Eröffnungsfilm, Terrence Malick, Benoît Jacquot und der Iraner Jafar Panahi zeigen ebenfalls ihre neuen Werke. Wie es dem iranischen Regisseur trotz Berufsverbots möglich ist, immer wieder Filme zu drehen und auf europäischen Festivals zu zeigen, bleibt ein Rätsel. Umso gespannter darf man auf das Ergebnis warten.
Viele historische Stoffe finden sich im Wettbewerb, oftmals geht es dabei ums Reisen. Eine kleine Reise sind sicher auch die anderen Sektionen des Festivals wert. Dem Wettbewerb gilt zwar die meiste mediale Aufmerksamkeit, Neuentdeckungen macht man aber eher im „Forum“ oder „Panorama“, wo noch mal knapp 80 Filme laufen. Insgesamt werden auf dem Festival mehrere hundert Filme gezeigt – da kann man schon mal den Überblick verlieren. Vielleicht bleibt man auch einfach nur hier und widmet sich dem hiesigen Kinoprogramm. Denn erstens werden zumindest einige der Festivalfilme später auch regulär in die Kinos kommen, und zweitens steckt ja auch das tägliche Kinoprogramm voller Überraschungen. Das kann ebenso das heiß erwartete neue Werk eines bekannten Regisseurs sein wie ein mit nur geringen Mitteln produziertes Debüt. Beides möchten wir Ihnen auch in diesem Monat ans Herz legen. Trotz Berlinale, trotz Karneval.
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