Dass Frauen zu Priesterinnen geweiht und die Pfarrtätigkeit im gleichen Umfang wie Männer ausüben können zählt neben dem Fehlen des Zölibats zu den Alleinstellungsmerkmalen der evangelischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionen. Das ist jedoch beileibe nicht auf Martin Luthers Mist gewachsen: Auch bei den Protestanten war die Kanzel über Jahrhunderte Männern vorbehalten. Erst im Laufe des 20. Jahrhhundert öffneten sich die evangelischen Landeskirchen für die Frauenordination. Unter den Pionierinnen, die diese Entwicklung vorantrieben, findet sich auch eine Kölnerin: Ina Gschlössl. 1927 begann sie eine Ausbildung zur Vikarin, als erste Frau in der Kölner Region. Die Erfüllung ihres Traums war ihr jedoch nicht vergönnt, auf Druck der Gemeindeleitung musste sie ihr Vikariat noch im gleichen Jahr abbrechen und wurde stattdessen Religionslehrerin. 1933 erhielt sie, kurz nach der Machtergreifung der NSDAP, Berufsverbot. Sie habe sich „in unziemender Weise über den Herrn Reichskanzler“ ausgelassen, wie es in der Begründung des damaligen Oberbürgermeisters heißt. Das gleiche Schicksal ereilte drei ihrer Mitstreiterinnen aus der Vereinigung evangelischer Theologinnnen, nämlich Annemarie Rübens, Aenne Schümer und Elisabeth von Aschoff. Gemeinsam erlangten sie später als „Die vier Kölner Vikarinnen“ Bekanntheit.
Erst in den 1960er Jahren wurde in Köln zum ersten Mal eine Frau ordiniert. „Gerade in den ersten Jahren ging es oft um abstruse Fragen, etwa, ob sich ordinierte Vikarinnen auch Pfarrerinnen nennen, oder ob sie die gleiche Tracht tragen dürfen. Die völlige Gleichstellung war vielen noch unheimlich“, sagt Dorothee Schaper, Frauenbeauftragte des Kirchenverbandes Köln und Region. Seitdem hat sich einiges getan: Heute sind 20 bis 30 Prozent der Pfarrstellen im Verband mit Frauen besetzt, schätzt Schaper. „Die Gemeindeleitungen sind zu 45 bis 50 Prozent mit Frauen besetzt. Eine Ebene darüber, bei den Synoden, sind es sogar 50 bis 60 Prozent.”
Schaper leitet das Frauenreferat des Kirchenverbandes, das in den 1990er Jahren eingerichtet wurde. Auf der einen Seite bietet es Frauen konkrete Beratung und Hilfe an, etwa in der Berufsförderung. „Gleichzeitig ist es auch unsere Aufgabe, Fragen der Theologie aus einer feministischen Perspektive heraus zu erörtern“, so Schaper.
Schaper ist sich bewusst, dass manche feministischen Strömungen Religion rundheraus als Ausdruck des Patriarchats ablehnen. „Natürlich, alle drei abrahamitischen Religionen sind patriarchal durchseucht“, sagt sie. „Ich verstehe feministische Theologe aber als eine aufdeckende Wissenschaft, um zu zeigen, wie präsent Frauen in der Kirchengeschichte waren.“ Wenn in den Quellen des frühen Christentums ein Satz falle wie „Das Weib schweige“, könne man das als Anweisung verstehen. „Man kann aus so einer Aussage aber auch schließen, dass Frauen sich auch in der Frühgeschichte des Christentums zu Wort gemeldet haben – was es zu unterbinden galt.“
Auch wenn Frauen heute zahlreich auf den verschiedenen Ebenen der Kirchenorganisation vertreten sind, bestehe Handlungsbedarf. „Viele Pfarrerinnen bekleiden nur halbe Stellen. Bei den vollen Stellen sieht der Anteil schon wieder anders aus – und auf der leitenden Ebene sinkt er etwa auf höchstens zehn Prozent herab.“ So gebe es etwa in Köln mit Andrea Vogel im rechtsrheinischen Kirchenkreis nur eine Superintendentin. „Auch geht es in Zukunft um die Frage, wie die jüngeren Frauengenerationen in die Kirche eingebunden werden können. Die Generation der nicht berufstätigen Frauen, die sich mit Leidenschaft ehrenamtlich engagiert haben, stirbt allmählich aus – die jüngeren Frauen haben wegen ihrer Berufstätigkeit meist keine Zeit dafür.“
Anlässlich des laufenden Reformationsjahres hat Schaper nun auch mit dem rechtsrheinischen Kirchenkreis die Ausstellung „Reformatorinnen“ im Haus der Kirche organisiert, die die weiblichen Protagonisten der Reformation sichtbar machen soll – Frauen wie Argula von Grumbach, Friederike Fliedner oder Ilse Härtner, die erste Pfarrerin der rheinischen Kirche. „Wir erinnern aber auch an Frauen, die sich für die Stellung der Frau im Judentum und im Islam eingesetzt haben. Interreligiöse Kontakte herzustellen, das halte ich ebenfalls für einen wichtigen Teil meiner Arbeit.“
Ausstellung „Reformatorinnen“ | Haus der Kirche, Kartäusergasse 9-11 | 18.11. bis 1.12.2017 10-16 Uhr
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