Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Dafür, dass das Bürgertum schon lange nicht mehr gesellschaftliche und künstlerische Avantgarde ist, können die Kunstvereine vielleicht am wenigsten. Dabei sind Kunstvereine eine genuin bürgerliche Erfindung; allerdings aus einer Zeit, als das Bürgertum noch etwas wollte und treibende Kraft war im Kampf um gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt. Als sich zwischen 1800 und 1840 die Kunstvereine in den Städten und der Provinz gründeten, lautete das Ziel, auch Laien mit zeitgenössischer Kunst vertraut zu machen. Die Beschäftigung mit Kunst sollte nicht länger allein dem Adel überlassen bleiben. Auch deshalb gelten Kunstvereine als Wegbereiter der Demokratie im Kulturbereich. Im internationalen Vergleich sind die deutschen Kunstvereine einzigartig. Sie öffnen den Blick, fördern die Diskussion über zeitgenössische Kunst und gelten als „die Augenschule der Nation“; so der Titel eines FAZ-Beitrags von Swantje Karich aus dem Jahr 2010. Dafür bekommen Kunstvereine – nicht üppig und immer weniger – öffentliche Förderung.
Das demokratische Verständnis endet aber nicht selten dort, wo es anfängt weh zu tun; gibt es Widerstand – auch undemokratischen – wird auch mal zurückgezogen. Der Fall des Kölner Bananensprayers Thomas Baumgärtel, der im Kunstverein Langenfeld ein Bild des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan mit Banane im Hintern ausstellte, macht dies deutlich. Nach Protesten und Drohungen wurde die Ausstellung im Oktober 2016 kurzfristig beendet. Auch aus der verständlichen Sorge um die Ehrenämtler, die im Kunstverein tätig sind.
Eine neue Vernetzung in der Kunst und Kultur mit politisch aufklärerischem Anspruch, stellt das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) dar. Es wählt mit dem von ihrem Vordenker Philipp Ruch propagierten „aggressiven Humanismus“ bewusst den Weg des größtmöglichen Widerstands. Einen großen Coup landete das ZPS mit einem Miniaturnachbau des Holocaust-Denkmals im Nachbargarten von Björn Höcke (AfD) im thüringischen Bornhagen. Höcke hatte die Holocaust-Gedenkstätte zuvor als „Mahnmal der Schande“ verunglimpft. Gleichzeitig versuchte das ZPS Höcke zu einem Kniefall nach dem Vorbild Willy Brandts zu bewegen – mit fragwürdigen Mitteln: Sollte Höcke nicht niederknien, werde man Details aus seinem Privatleben preisgeben, die man bei einer Beobachtung des Höckeschen Familienanwesens gesammelt habe. Von Stasi-Methoden war anschließend die Rede, das bürgerliche und linksliberale Feuilleton stieß sich an der Aktion: „Die aktuelle Inszenierung ist allerdings missglückt. […] Ein größeres politisches Geschenk als die Aktion in Bornhagen hätte […] das Zentrum für Politische Schönheit [Höcke ] nicht machen können“, hieß es in der Süddeutschen Zeitung. Dem hielt der Schweizer Kunsttheoretiker Beat Wyss, der die Aktion als Eulenspiegelei begriff, entgegen: „Kunst darf alles, weil sie quasi als fünfte Gewalt in der Gesellschaft mit Machtlosigkeit geschlagen ist.“ Finanziert wurde die Aktion – wie alle anderen des ZPS – über Crowdfunding. 28.800 Euro brauchte das Kollektiv für die Aktion, rund 90.000 Euro wurden eingenommen. Es ist beruhigend, sogar schön, dass Kunst mit humanistischem Anspruch, sich offensichtlich mit Leichtigkeit finanzieren kann.
Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema
Aktiv im Thema
koelnischerkunstverein.de | Den Kölnischen Kunstverein gibt es seit 1839. Sein Schwerpunkt liegt auf der Förderung zeitgenössischer Kunst von KünstlerInnen aus dem Rheinland.
koeln-freiwillig.de | Helfen, aber wie? Die Kölner Freiwilligen Agentur vermittelt Tätigkeiten in Kultur, Sport, Ökologie, Jugend und Soziales. Schirmherren sind u.a. Navid Kermani und Jürgen Becker.
koelnerkulturpaten.de | Viele Kulturschaffende haben zwar gute Ideen, oft nicht das nötige Wissen oder die finanzielle Ausstattung für ihr Vorhaben. Die Kölner Kulturpaten vermitteln Hilfe.
Fragen der Zeit: Wie wollen wir leben?
Schreiben Sie uns unter meinung@choices.de.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Alte und neue Formen
Intro 11/18 - Solidarisch vernetzt
„Kunstvereine müssen ihre Entdeckerfunktion ausüben“
ADKV-Vorsitzende Meike Behm über Kunstvereine damals und heute
Lebendige Vereine, morbide Kunst
Solidarität unter Kunstschaffenden in Köln
Selbstlos ist das neue Sexy
Anstand als Aufstand
Es sind bloß Spiele
Teil 1: Leitartikel – Videospiele können überwältigen. Wir sind ihnen aber nicht ausgeliefert.
Werben fürs Sterben
Teil 2: Leitartikel – Zum Deal zwischen Borussia Dortmund und Rheinmetall
Das Spiel mit der Metapher
Teil 3: Leitartikel – Was uns Brettspiele übers Leben verraten
Demokratischer Bettvorleger
Teil 1: Leitartikel – Warum das EU-Parlament kaum etwas zu sagen hat
Europäische Verheißung
Teil 2: Leitartikel – Auf der Suche nach Europa in Georgien
Paradigmenwechsel oder Papiertiger?
Teil 3: Leitartikel – Das EU-Lieferkettengesetz macht vieles gut. Zweifel bleiben.
Friede den Ozeanen
Teil 1: Leitartikel – Meeresschutz vor dem Durchbruch?
Vom Mythos zur Mülldeponie
Teil 2: Leitartikel – Wie der Mensch das Meer unterwarf
Stimmen des Untergangs
Teil 3: Leitartikel – Allen internationalen Vereinbarungen zum Trotz: Unsere Lebensweise vernichtet Lebensgrundlagen
Zu Staatsfeinden erklärt
Teil 1: Leitartikel – Der Streit über Jugendgewalt ist rassistisch aufgeladen
Der andere Grusel
Teil 2: Leitartikel – Von der rätselhaften Faszination an True Crime
Maßgeschneiderte Hilfe
Teil 3: Leitartikel – Gegen häusliche Gewalt braucht es mehr als politische Programme
Die Masse macht’s nicht mehr
Teil 1: Leitartikel – Tierhaltung zwischen Interessen und Idealen
Wildern oder auswildern
Teil 2: Leitartikel – Der Mensch und das Wildtier
Sehr alte Freunde
Teil 3: Leitartikel – Warum der Hund zum Menschen gehört
Durch dick und dünn
Teil 1: Leitartikel – Warum zum guten Leben gute Freunde gehören
Von leisen Küssen zu lauten Fehltritten
Teil 2: Leitartikel – Offene Beziehungen: Freiheit oder Flucht vor der Monogamie?
Pippis Leserinnen
Teil 3: Leitartikel – Zum Gerangel um moderne Lebensgemeinschaften
Sinnvolle Zeiten
Teil 1: Leitartikel – Wie Arbeit das Leben bereichern kann
Verfassungsbruch im Steuer-Eldorado
Teil 2: Leitartikel – Die Reichsten tragen hierzulande besonders wenig zum Gemeinwohl bei
Über irrelevante Systemrelevante
Teil 3: Leitartikel – Wie Politik und Gesellschaft der Gerechtigkeitsfrage ausweichen