„Wir verlieren Schlüssel, Telefone oder unsere Lieblingskleidungsstücke, aber auch unser Herz, unseren Verstand oder unseren Glauben an die Welt. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir mit den daraus resultierenden Gefühlen nur schlecht umgehen können.“ Daniel Schreiber schildert gleich auf den ersten Seiten seines neuen Essays, wie Verluste unser Leben prägen: ob im Rahmen von Alltäglichkeiten, wo sie im besten Fall nur zu Unannehmlichkeiten führen, oder aber mit aller Gewalt, etwa als schwerer Schicksalsschlag. Einen solchen hat Schreiber vor einiger Zeit selbst erlebt, als sein Vater starb – die Trauer um ihn steht im Zentrum von „Die Zeit der Verluste“.
Es herrscht jedoch keineswegs gedrückte Stimmung, als er am 6. Dezember für eine Lesung mit Gespräch zu Gast im MAKK ist. Das ist einerseits auf die offenen, humorvollen Dialoge zwischen dem Autor und der Moderatorin Bettina Böttinger zurückzuführen. Andererseits verharrt auch sein Essay nicht etwa in Trauer. Eher lässt er diese immer wieder im Handlungsverlauf anklingen, z.B. bei seiner Schilderung eines Tages in Venedig. In detaillierten Beschreibungen der Stadt und des Hotelzimmers zeichnet er das stimmungsvolle Bild eines Ortes, der aufgrund des steigenden Meeresspiegels selbst so sehr von Vergänglichkeit geprägt ist. Von der Sprachlosigkeit gegenüber dem eigenen Gefühl von Verlorenheit, die Schreiber zu Beginn seines Essays erwähnt, ist hier nichts zu spüren.
In „Die Zeit der Verluste“ behandelt Schreiber nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch solche aus dem Leben seiner Eltern, die mit dem Ende der DDR ein Stück persönliche Identität verloren. Und er blickt noch weiter zurück: zu seinen Großeltern, die in den Jahren des Kriegs große Entbehrungen erlebten. Von der damaligen Zeit spannt er einen Bogen bis in die Gegenwart, der transgenerationale Traumata aufzeigt und nachvollziehbar macht. Gleichzeitig nimmt er auch immer wieder die gesamte Gesellschaft in den Blick. Dabei macht er vor allem Weltkrisen wie Krieg und Pandemie für den Verlust empfundener Sicherheiten verantwortlich. Schreiber vergisst aber nicht, auch die positiven Aspekte des Lebens hervorzuheben: Er erzählt von vielen Momenten der Dankbarkeit, des Vertrauens und der Zuversicht, von Freundschaft und familiärer Verbundenheit – und nicht zuletzt von der Schönheit Venedigs.
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