Im Sommer gehen die Leute nicht ins Kino. Da sitzen sie in Biergärten, fahren auf Festivals oder in den Urlaub. Diese Vorstellung treibt offenbar die Filmverleiher um. Ergo programmieren sie um das Sommerloch herum, feuern Knaller noch vor den Ferien ab oder halten sie zurück bis zum Herbst. Besonders deutlich wirkt sich diese Politik traditionell im August aus.
Natürlich ist die Einschätzung der Verleiher nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Ja, die Menschen, die an die Schulferien gebunden sind oder einfach gerne im Hochsommer verreisen, fallen als Kundschaft temporär aus. Außerdem ist es für viele eine seltsame Idee, sich in einen dunklen Raum zu begeben, wenn draußen die Temperaturen steigen. Aber die wenigsten nehmen mehr als zwei Wochen Urlaub. Und sehr viele Filmtheater sind heute klimatisiert, so dass man sich dort angenehm erfrischen kann, während die anderen über die Schwüle stöhnen. Wie schön ist es, wenn man einen ernsten Film gesehen hat, danach aber nicht ins Regengrau zurück muss, sondern noch bei einem kühlen Getränk die warme Nacht genießen kann. Dann sind da noch die ganzen Open-Air-Programme. Und überhaupt: Als hätten wir in diesen Breitengraden wochenlang lückenlos Sonnenschein und Hitze.
Anderen beim Sonnen und Reisen zuzuschauen, kann auch Daheimgebliebenen Spaß machen. Etwa, wenn sie dabei so weich in der Birne werden wie die sechs Freundinnen in der argentinischen Komödie „Las Insoladas – Sonnenstiche“, die sich auf einem Hochhausdach braten lassen und dabei von einer Fernreise träumen. Mit der Tragikomödie „Anni Felici – Barfuß durchs Leben“ werden nostalgische Sommergefühle wachgekitzelt, wenn zwei Kinder im heißen Rom der 70er Jahre die kriselnde Beziehung ihrer Eltern beobachten und mit der Mama in ein feministisches Sommercamp nach Frankreich fahren.
Neben interessanten Dokumentarfilmen („ThuleTuvalu“, „L'Chaim – Auf das Leben!“), Melo-Komödien über suizidale Teenager („About a Girl“, „Coconut Hero“) und kleineren Produktionen aus den USA („Learning to Drive“, „Broadway Therapy“) gibt es definitiv einen weiteren Grund, diesen Monat ins Kino zu gehen: Michael Fassbender. Der deutsch-irische Schauspieler, der in Blockbustern à la „X-Men“ ebenso glänzt wie in tiefsinnigeren Filmen (von Steve McQueens „Shame“ bis zum Psychoanalyse-Drama „Eine dunkle Begierde“), kommt 2015 nicht nur noch als „Steve Jobs“ und als finsterer Titelheld in „Macbeth“ in unsere Kinos. Auch in diesen gar nicht bloß flauen Sommerwochen ist Fassbender mit zwei außergewöhnlichen Filmen vertreten: dem absurden Western „Slow West“ und der Psycho-Tragikomödie „Frank“, wo er unter einem grotesken Pappmaché-Kopf versteckt ist und das Publikum trotzdem fesselt. Es ist eben nicht immer nur das Offensichtliche, das uns anzieht. Im Leben wie im Kino, egal zu welcher Jahreszeit.
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