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Foto: Oliver Strömer

Das Phantom der Keller

04. Mai 2026

„Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch“ am Theater der Keller – Auftritt 05/26

Etwas fehlt. Jemand fehlt. Millowitsch fehlt. Zum Glück. Denn das Produktionsbüro Petra P. liefert mit „Walter Bockmayer ...“ wieder einmal großes Herzkino im kleineren Rahmen, der den übergewichtigen Lokalhelden Willy (nicht nur formatmäßig) die Luft abgeschnürt hätte. Es geht um eine andere Persönlichkeit, die in den 1970er und 1980er Jahren in der alternativen Szene Kult wurde: der Autor, Regisseur, Intendant, Schauspieler und queere Pionier Walter Bockmayer (1948-2014). Dementsprechend sind die Requisiten keine herkömmlichen Alltagsgegenstände für Küche oder Wohnstube, sondern Schwänze, Sadomaso-Masken, mächtige High Heels, Netzstrümpfe, Uniformen, Lederhosen, Dirndl, Gesellschaftskritik und Schutt. Die Bühne ist hier eine permanente Baustelle, auf der es rau – und humorvoll – an der menschlichen Seelenverfassung zu arbeiten gilt. Gängige Ideen von Ordnung und Ästhetik erscheinen dabei als eine schlechte Erinnerung aus vergangenen Dekaden. Die Welt und somit die Menschen in ihr sind durch Kriege, Klassengesellschaften und ein nicht zu sättigendes Spießertum schon in jener Zeit kaputt. Viele Menschen eint lediglich die Sehnsucht nach einem zeitweise befriedeten Ich.

Daniel Breitfelder, Johannes Brüssau und Sebastian Kreyer übertragen diese Ära mit beeindruckender Leichtigkeit ins Jahr 2026. Das Trio schwindelt dem Publikum ohne den Ansatz einer Verkrampfung die Improvisation eines Stückes vor, das ihnen als Schauspielern nicht behagt. Immerhin handelt es sich nicht nur um eine Hommage an einen schillernden Hohepriester der Queerness, sondern auch um eine Selbstbeschreibung von Künstlern in der Ära der Kulturverdrossenheit. Das Ensemble lästert und wundert sich darin durch einen ihm bewilligten Raum voll der Gnade: Den Keller. Dort angekommen können alle Register des Ausdrucks gezogen werden, die im Lichte des Tages oder an den städtischen Tempeln mit absoluter Sicherheit für Empörung sorgen würden.

Als flüchtige Gäste werden im Tiefgeschoss Rainer Werner Fassbinder, Ralph Morgenstern, Hella von Sinnen und Dirk Bach gesichtet. Man weiß mittlerweile um die Strategie der Petras. Dieses Team spielt Turbo-Ping-Pong mit dem Klischee. Der Thesen und Anti-Thesen-Ball fliegt einem um die Ohren und zielgenau ins Gemüt. Hinter der Illusion eines anarchisch zusammengefügten Mauerwerks bleibt die strenge Struktur der Stücke oftmals verborgen. Alleine das Timing, in dem sich die Schauspieler gegenseitig ins Wort fallen, sucht seinesgleichen. Auch die Brüche demaskieren sich zuletzt als Mittel, um die Lücken des Verstandes zu schließen. Zudem erweisen sich die Produktionen stets als Experiment, in dem das Publikum eine Hauptrolle als vermeintlich gebildete Städter spielt. So viel Charme und Zynismus von einem silbernen Teelöffel lassen sogar den Teufel, vielleicht auch uns Willy, einen Tag und eine Nacht lang Freudentränen verschütten. Der stets gegenwärtige Protagonist „Wally“ Bockmayer staunt derweil mit jeder weiteren Aufführung über seine Lebensleistung.

Walter Bockmayer. Der andere Millowitsch | Fr 8.5. 20 Uhr | Dauer: ca. 90 Min. | Theater der Keller | 0221 31 80 59

Thomas Dahl

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