Gerade in Deutschland wird dem Wald eine zentrale kulturelle Bedeutung zugeschrieben. Neben seinem handfesten wirtschaftlichen Wert als Lieferant für Nutz- und Brennholz und als ökologische Reserve nicht zuletzt auch als Refugium für gestresste Großstädter, die sich hier am Wochenende die verlorene Verbindung zur Natur wieder erwandern wollen. All diese Funktionen sind oft nicht leicht unter einen Hut zu bekommen und auch in Zukunft wird es nicht leichter werden, da sich die Rahmenbedingungen durch Faktoren wie den Klimawandel einschneidend ändern werden. Auf einem ehemaligen Acker zwischen dem äußeren Grüngürtel und Marsdorf hat das Kölner Amt für Grünflächen und Landschaftspflege daher ein sogenanntes „Waldlabor“ eingerichtet, in dem mit neuen „Waldformen“ experimentiert werden soll.
2010 wurden auf dem 25 Hektar großen Areal die ersten Bäume gepflanzt, unterstützt vor allem von den Sponsoren RheinEnergie und Toyota, deren Kölner Niederlassungen praktischerweise in Sichtweite des Areals liegen. Auch Privatbürger konnten sich beteiligen und gegen eine Spende Baumpatenschaften übernehmen. Aufgeteilt ist das Waldlabor in vier Bereiche, die jeweils einem Themenfeld gewidmet sind.
Der „Energiewald“ genannte Bereich etwa untersucht die Rolle des Waldes als Lieferant alternativer Energien. Hier wurden vor allem schnellwachsende Baumarten wie Pappeln oder Weiden gepflanzt. Diese sollten in Abständen von vier bis fünf Jahren „geerntet“, zu Hackschnitzeln verarbeitet und in Heizkraftwerken verfeuert werden. Der Vorteil gegenüber fossilen Brennstoffen besteht darin, dass der Atmosphäre kein zusätzliches CO2 zugeführt wird, da die Bäume während des Wachstums Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Das Grünflächenamt geht davon aus, dass bis zu 100 Tonnen CO2 pro Jahr im Gehölz des Energiewaldes gespeichert werden.
Im „Klimawald“ hingegen werden gezielt Baumarten angepflanzt, die gegen höhere Temperaturen und Trockenheit resistent sind – Bedingungen, die mit dem fortschreitenden Klimawandel voraussichtlich häufiger auftreten werden. Die Baumarten, darunter Küstentannen, Flaumeichen, Walnüsse und Blauglockenbäume, werden jeweils für sich in „Einart-Hainen“ gepflanzt, um die Entwicklung der einzelnen Arten beobachten zu können.
Die Baumarten des „Wandelwalds“ hingegen wurden unter rein ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt: Bereiche von Feldahorn, Sandbirken, Kastanien und Douglasien gehen jeweils ineinander über, wodurch sich zu jeder Jahreszeit ein wandelndes, attraktives Waldbild ergeben soll, das geeignet ist, Spaziergängern die Seele zu streicheln. Der „Wildniswald“ schließlich wurde nach einer Initialbepflanzung mit Buchen sich selbst überlassen, damit sich hier natürliche Pflanzengesellschaften herausbilden können.
Sechs Jahre nach der ersten Bepflanzung haben viele der Bäume eine Höhe von zwei bis vier Metern erreicht, weshalb das Gelände tatsächlich allmählich einem Wald gleicht. Im Energiewald konnte 2014 bereits die erste Holzernte eingefahren werden, wobei die Stämme über der Wurzel gekappt wurden, damit diese neu austreiben können. Die Bäume des Klimawaldes entwickeln sich gut, ohne dass sich unter den verschiedenen Arten bisher klare Favoriten herausbilden konnten. Am deutlichsten hat sich der Waldcharakter im Wandelwald ausbilden können, naturgemäß entwickelt sich der Wildniswald deutlich langsamer als das übrige Areal. Insgesamt ist eine abwechslungsreiche Landschaft entstanden, die bereits gut von den Besuchern des nahen Grüngürtels angenommen wird. Das einzige, was die Idylle stört, ist die A4, die unmittelbar an dem Areal entlang führt – gegen den stetigen Verkehrslärm ist auch im Waldlabor kein Kraut gewachsen.
Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema
Aktiv im Thema
www.naturkapitalteeb.de | Projekt zur Erforschung der ökonomischen Bedeutung der Naturleistungen in Deutschland
koeln-waldlabor.de | Gemeinschaftsprojekt von Toyota, RheinEnergie und der Stadt Köln erforscht den Wald der Zukunft
www.robinwood.de | NGO für Umwelt- und Naturschutz
Thema im Juli: FREIHEIT – Menschenrecht oder Illusion?
Ein Gefühl und seine Grenzen. Fühlen Sie sich unfrei? Schreiben Sie uns unter meinung@choices.de
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Mein Freund der Baum
Zora del Buono porträtiert in „Das Leben der Mächtigen“ besondere Bäume – Literatur 07/16
Ursprungsmythos Wald
Ohne Wald ist die nationale und kulturelle DNA der Deutschen nicht vorstellbar – THEMA 06/16 WALDESLUST
„Wir schlagen den Kapitalismus mit seinen eigenen Begriffen“
Prof. Bernd Hansjürgens über den Wert der Natur – Thema 06/16 Waldeslust
Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Benimm dich!
Teil 1: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 1: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 1: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 2: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 2: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 3: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
Erst das Vergnügen
Teil 1: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
„Das BGE würde eher schaden als nützen“
Teil 1: Interview – Philosoph und Ökonom Birger Priddat über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens
Mehr als Existenzsicherung
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Klassenkampf von oben
Teil 2: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
„Je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er“
Teil 2: Interview – Gewerkschafter Stephan Krull über kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Teilhabe
Geschenkte Freizeit
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf
Sanktionen schaffen keine Stellen
Teil 3: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
„Eine gewisse Unsicherheit und Versagensängste“
Teil 3: Interview – Experte Matthias Auer über den Arbeitsmarkt für Jung-Akademiker
Der ganze Mensch
Teil 3: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben