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Tove Ditlevsen
Foto: Atelje Uggla

Schrecklich komisch

03. Februar 2025

Tove Ditlevsens Roman „Vilhelms Zimmer“ – Textwelten 02/25

Nicht erst seit Annie Ernaux vor zwei Jahren den Nobelpreis erhielt, steht das autofiktionale Erzählen bei Autorinnen hoch im Kurs. Ohne die literarische Bestandsaufnahme weiblicher Realität wäre der Feminismus aber auch nicht denkbar. Zu den bedeutendsten Stimmen dieser literarischen Gattung zählt die erst in den letzten Jahren bei uns gebührend wahrgenommene Tove Ditlevsen. Unterschiedlicher als Annie Ernaux‘ auf das Nötigste herunter destillierter Stil könnte Ditlevsens überbordend wilde und vor allem bildreiche Prosa nicht sein. Als die Französin Mitte der 1970er Jahre zu publizieren begann, setzte die Dänin ihrem Leben selbst ein Ende. Aber zuvor veröffentlichte sie mit „Vilhelms Zimmer“ ihren letzten und literarisch bedeutendsten Roman.

Ein Roman von unerhörter Wucht. Mit wilder Entschlossenheit schleudert Ditlevsen das Gefühlschaos eines Paars aufs Papier, das sich leidenschaftlich ineinander verklammert. Zunächst in Begehren und Liebe und dann in einer höllischen Schlacht sadistischer Gemeinheiten. Der Ton ihres Erzählens ist trotz seiner Drastik federleicht, ein Sarkasmus, der über alle Niederungen hinweg zu schweben scheint. Keine Schrecklichkeit kann diese Erzählerin noch überraschen und dabei ergeben sich Situationen im bürgerlichen Alltagsleben, die von schreiender Komik sind. Wenn etwa ihr angetrunkener Ehemann bei einem stocksteifen Empfang dem anwesenden Minister in den Schoß kotzt. 

Tove Ditlevsen schaut mit klarem Blick auf die Unzulänglichkeiten im Zusammenleben der Paare, die den Frauen wie den Männern die Luft zum Atmen nehmen. Mitunter scheint sie in ihren Roman den gesamten skandinavischen Beziehungsirrsinn von August Strindberg über Ingmar Bergman bis zu Lars von Trier hineinzupacken. Mögen die häuslichen Szenen auch von greller Emotion gezeichnet sein, so enthält die Erzählstimme eine dunkle Grundierung, die unaufhaltsam auf den tragischen Schluss des Romans zuläuft. Die Bedeutung dieses Meisterwerks, das man mit verwunderter Begeisterung liest, wird erst noch zu ermessen sein. Zum Gelingen der deutschen Ausgabe tragen unbedingt die kristalline Übersetzung und das Nachwort von Ursel Allenstein bei.

Tove Ditlevsen: Vilhelms Zimmer | A. d. Dänischen v. Ursel Allenstein | Aufbau Verlag | 208 S. | 22 Euro

Thomas Linden

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