Wenn er von einem Familienausflug erzählt, dann gibt es viel zu lachen, etwa über die ältere Schwester, die das Auto fährt, obwohl sie keinen Führerschein besitzt. Dass ihm selbst bei dieser Landpartie die Nase abgetrennt wird, passt nicht in den verführerisch munteren Erzählton. Roald Dahl vermochte Grenzen des Genres und der Konvention zu überschreiten, als wäre nichts dabei. Mit dieser Unbeschwertheit, die gleichwohl nicht vor den harten Tatsachen des Lebens bewahrt, hält er uns beständig in Atem, denn alles ist zu jeder Zeit möglich. Mit Humor erinnerte sich der gebürtige Waliser – Sohn norwegischer Eltern – an seine Kindheit und die Manie der Ärzte, jedem Kind, das einmal über Bauschmerzen klagte, den Blinddarm zu entfernen. Notfalls auf dem Tisch im Kinderzimmer. Eine nonchalante Übung, der Dahls ältere Schwester prompt zum Opfer fiel.
Kaum zu glauben, dass dieser Mann, dessen Roman vom „Big Friendly Giant“ („Sophiechen und der Riese“) in der Verfilmung von Steven Spielberg derzeit die Menschen rund um den Globus begeistert, in diesem September 100 Jahre alt geworden wäre. Wie originell, überraschend in ihren Handlungsverläufen und überzeugend in ihrer Atmosphäre sind doch Romane wie „James und der Riesenpfirsich“, „Der unglaubliche Mr. Fox“ oder „Matilda“. Er vermochte neben den „Küsschen“ – seinen makabren Geschichten für Erwachsene – Bücher für Kinder zu schreiben, die auch deren Eltern nicht mehr aus der Hand legen wollten. „Danny oder Die Fasanenjagd“ ist so ein Buch, in dem ein Junge in einer unvergleichlichen Idylle mit seinem Vater neben einer Tankstelle am Waldrand lebt und eigentlich alles besitzt, was man zum Glücklichsein braucht. Allerdings wartet jeden Morgen der Gang in die Schule auf ihn, die vom sadistischen Lehrkörper regiert wird.
Schönes und Schreckliches liegen in seinen Texten nebeneinander, nicht alleine in den Kindheitserinnerungen, die er unter dem Titel „Boy“ veröffentlichte. Sondern auch in einem bizarren Roman wie „Hexen hexen“, in dem der Held in einen Winzling verwandelt wird und letztlich keine Erlösung erfährt. Dahls sympathische Lässigkeit, mit der er alle Schrecken der Existenz grinsend an sich abperlen ließ, machte ihn unberechenbar. Freilich ging diese Coolness auch schon einmal ins Auge, als er sich mit einem unbedachten Spruch eine antisemitische Phrase leistete. Beeindruckend bleibt jedoch der unsentimentale Erzählton, mit dem er von der Gewalt und der Psychopathologie der modernen Wohlstandsgesellschaft erzählt, und der doch stets eine Lust an der Entdeckung der Welt enthält. Der Rowohlt Verlag gibt die beiden biografischen Texte über Kindheit und Kriegserlebnisse in einem Band heraus, daneben die unheimlichen Stories für Erwachsene, die zu Alfred Hitchcocks Lieblingslektüre gehörten, und die stolze Riege der Romane für Kinder, deren eigenständiger Duktus sich auch neben Astrid Lindgrens Prosa nicht verstecken muss. Mit den Verfilmungen seiner Bücher hat Dahl außergewöhnliches Glück gehabt, alle besitzen Klasse, aber das eigentliche Ereignis bleibt seine Prosa, nach der man schnell süchtig wird.
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