Diese Frau ist unglaublich. Sie weiß alles von uns. Adelle Waldman bleibt weder verborgen, wie ein Mann eine Frau anschaut, noch was er dabei denkt. Nun ist es kein Geheimnis, dass Männer nicht mit einer Frau flirten, weil die eine schöne Seele hat. Aber Waldman weiß, wie der Schlüsselreiz funktioniert oder welche Ängste die Männer befallen, wenn Frauen kuschelig werden, wenn sie „nützliche“ Pläne schmieden, und sie weiß sogar, wie sich perfekte Blowjobs anfühlen, denn sie beschreibt sie explizit aus der Perspektive ihres Erzählers.
„Das Liebesleben des Nathaniel P.“ ist das Romandebüt der in Brooklyn lebenden Journalistin. Dort spielt auch die Geschichte, im Milieu der Ostküsten-Intelligenz und der Partys auf denen die Beziehungen zwischen den Kreativen der Verlags- oder Filmwelt geknüpft werden. Nate sieht ganz gut aus und hat gerade seinen ersten Roman verkauft. Auf der Party seiner letzten Lebensgefährtin lernt er Hannah kennen, die ihren Lebensunterhalt mit den schlecht bezahlten Jobs der Freien bestreitet. Waldman beschreibt mit Fingerspitzengefühl das Knistern, das entsteht, wenn sich zwei Erwachsene näherkommen. Nate genießt den Rausch der ersten Zeit, er fühlt sich verstanden und erlebt eine ziemlich selbständige Frau. Hannah klammert nicht und sie verpflichtet Nate zu nichts. Aber genau dort beginnen die Probleme. Denn Nate ist es nicht gewohnt, dass etwa in Hannahs Frage: „Am Sonntag kommt eine Freundin, hast du Lust, uns zu begleiten?“, auch die Möglichkeit eines Neins enthalten sein könnte. Er hat zwar keine Lust, aber die Absage verursacht ihm ein schlechtes Gewissen, und Schuldgefühle rufen Aggression hervor, und schon ist ein Streit über das Ungesagte vom Zaun gebrochen. Adelle Waldman schreibt den Roman zur Zeit, da sie genau jene Missverständnisse aufspürt, an denen Beziehungen scheitern. Wobei sie mit Hannah eine der hinreißendsten Frauengestalten der zeitgenössischen Literatur entwirft, klug, sexy und verletzlich.
Wie das Verhältnis der Geschlechter durch die veränderte Rolle der Frau erschüttert worden ist, zeigt auch ein Roman des Drehbuchautors Alfred Hayes, den wunderbarer Weise der Verlag Nagel & Kimche entdeckt hat. Auf dem gleichen Terrain, im Herzen New Yorks, ereignet sich 60 Jahre zuvor das Beziehungsdrama von „In Love“. Er trifft sie in einer Hotelbar, die beiden gehen zu ihr. Sie lebt alleine, schon bald ergeben sich die gleichen Missverständnisse. Allerdings sind die Frauen zu jener Zeit noch nicht so unabhängig von den Männern wie heute. Ein älterer Mann macht ihr das Angebot, für eine hohe Summe eine Nacht mit ihm zu verbringen. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, gerät alles in Bewegung. Hayes gelingt eine Geschichte, in der kein Satz verschenkt ist, bittersüß und voll prickelnder Erotik. Hayes kennt die Frauen, Waldman kennt sie noch besser und es zeigt sich, dass der weibliche Blick auf die Frauen dem männlichen gar nicht so unähnlich ist. Zwei enorm spannende Beziehungsgeschichten, die ganz ohne Mord und Totschlag auskommen.
Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P. | Aus dem Englischen von Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann | Liebekind | 302 S. | 19,90 €
Alfred Hayes: In Love | Aus dem Englischen von Matthias Fienbork | Nagel & Kimche | 144 S. | 16,90 €
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