Zu den Ausstellungen, die das Museum Ludwig derzeit mit seinen Beständen im eigenen Haus durchführt, gehört die Schau „abstrakt“, die im Untergeschoss im Wechselausstellungsbereich zu sehen ist. In großzügiger Präsentation thematisiert sie einen Schwerpunkt in der Programmatik des Museum Ludwig. Ausgestellt sind kapitale Werke der europäischen und US-amerikanischen Kunst nach 1945 bis zur Gegenwart, die sich gerade nicht den hier besonders etablierten Konzepten der Pop Art und des figurativen Expressionismus zuordnen lassen. Jedoch ragen die nun ausgewählten Exponate, die von Klassikern und Fast-Klassikern der Kunst des 20. Jahrhunderts stammen, in die Gegenständlichkeit hinein. So erweist sich ja die Landschaft als Topos des Malerischen – das trifft schon auf die Gemälde von Bernard Schultze und Per Kirkeby zu.
Auf andere Weise „konkret“ ist das Bild von Georg Herold – auch er ist, wie manch einer der ausgestellten Künstler, in Köln ansässig –, das den Betrachter schon beim Hinabgehen zur Ausstellung „anspringt“ und das sich erst aus der Nähe in seiner Substanz klärt. Die fast tänzerischen, in Schlangenlinien das Bild durchmessenden Figuren erweisen sich als Punkt für Punkt aufgesetzter Kaviar. Natürlich ist diese Arbeit, typisch Herold, gesellschaftskritisch und spricht nun das prekär Luxuriöse des Kunstmarktes und die zweifelhafte Aura des Kunstwerks an.
„Konkret“ sind aber auch die Bildtafeln von Jo Baer – deren Bilder nicht so oft ausgestellt sind –, bei denen sich die Buntfarbe in Streifen an den vertikalen Rändern befindet und um die Kanten zieht. Insgesamt legt diese Ausstellung die dialogische Differenz in der Kunst Europas und Amerikas frei, wie diese erst recht nach 1945 zu beobachten ist und etwa vor zwei Jahrzehnten ebenfalls in Köln mit der Ausstellung „Bilderstreit“ weiter thematisiert wurde: Auf dem europäischen Kontinent dominieren zunächst die zerklüfteten, versehrten Oberflächen, die unmittelbar von der Gebrochenheit der Existenz handeln. In Amerika entstehen die großen strahlenden Formate, die sich rein aus der Farbe und ihrem Auftrag entwickeln; hier ist Betroffenheit und Kritik dominierend und dort ist der Minimalismus, der den Betrachter überwältigt, indem er ihn einbezieht (Carl Andre), zeitweilig die Maxime des Kunstbetriebs. Aber gibt es auch in der Gegenwart eine „typisch“ US-amerikanische und eine „typisch“ europäische Kunst? Schön ist, dass sich diese Ausstellung mit ihren Fragestellungen indirekt in der Schau „Vor dem Gesetz“ fortsetzt.
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