Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17

12.658 Beiträge zu
3.874 Filmen im Forum

Verlor ihren Job, weil sie schrieb, was sie dachte: Shumona Sinha
Foto: Patrice Normand

Die große Lüge der Asyldebatte

27. Mai 2016

Shumona Sinha präsentiert ihren Roman „Erschlagt die Armen!“ – Textwelten 06/16

Eine Frau, die sagt, was sie denkt, kann in Europa schnell ihren Job verlieren. Die 1973 in Kalkutta geborene und seit 2001 in Paris lebende Shumona Sinha verdiente ihr Geld als Dolmetscherin in einer Agentur der französischen Asylbehörde. Nachdem ihr Roman „Erschlagt die Armen“ 2011 in Frankreich erschienen war, erhielt sie die Kündigung. Zwar ging ein Aufschrei der Empörung durch die Feuilletons, aber an dem Rausschmiss änderte das nichts. Zu nah war die Bengalin den nationalen Tabus gekommen.

Zwölf Stunden am Tag hatte sie in der „Lügenmaschine“ gearbeitet. Wenn sie nach Hause kam, war sie todmüde, aber schlafen konnte sie erst, wenn sie eine Begebenheit des Tages niedergeschrieben hatte. Für Shumona Sinha war das Schreiben eine Überlebensstrategie. Heute kann sie über die Reaktion der Behörde lachen, wie sie jetzt im Institut Français gestand, wohin sie die Buchhandlung Bittner und das Literaturhaus Köln eingeladen hatten. Der Roman – dessen Titel einem Baudelaire-Zitat entnommen ist – besteht aus dem fulminanten Monolog einer Übersetzerin, die verhaftet wurde, nachdem sie einem Asylsuchenden eine Weinflasche über den Kopf gezogen hatte.

Auch wenn Erzählerin und Autorin nicht identisch sind, so decken sich ihre Erfahrungen. Für Sinha ist der überwiegende Teil der Asylsuchenden nicht politisch verfolgt. „Natürlich sind die Menschen aus Syrien oder dem Tschad vom Krieg bedroht“, räumt sie ein. Die Masse der Asylsuchenden treibe jedoch Umweltkatastrophen und die wirtschaftliche Not nach Europa. Und sie bietet einen Ausblick auf die zukünftigen Menschenströme, wenn sie zu bedenken gibt, dass ein Land wie Bangladesch in zehn Jahren möglicherweise gar nicht mehr existieren wird.

Nur politisch Verfolgte besitzen Anspruch auf Asyl, „also müssen die Menschen die Wahrheit verschweigen und eine Geschichte erfinden“. Aus dieser Situation entsteht „die Lügenmaschine, in der alles falsch ist, die Geschichten und die Identitäten“. Ihr Roman enthält bittere wie schreiend komische Szenen. Die Überprüfung der politischen Motive durch die Behörde entpuppt sich als Hirngespinst eines ratlosen europäischen Denkens. Eine Situation, die derzeit von Schweden bis an den Bosporus millionenfach exerziert wird. Die Absurdität dieses rhetorischen Schattenboxens verursacht in Sinha einen tiefen moralischen Ekel. Sie sieht die Selbsterniedrigung der Betroffenen und beobachtet den postkolonialen Rassismus, der im Bewusstsein der Flüchtenden verankert ist, die alle am europäischen Way of Life gesunden wollen. Der Roman spiegelt die Schizophrenie der politischen Situation aber auch in den psychologischen Beobachtungen wieder. So entgehen Sinha auch nicht die Gesten, in denen sich Beamte oder Bittsteller verraten, so dass die Körper von etwas anderem erzählen, als die Worte. Ein Theater, dessen Schmierenpotenzial alle Beteiligten geflissentlich übersehen.

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! | Dt. von Lena Müller | Edition Nautilus | 128 S. | 18 €

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Der Teufel trägt Prada 2

Lesen Sie dazu auch:

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26

Mein Opa und die Nazis
Judith Hermann liest in Bonn

Vergiftung des Lebens
Christoph Peters liest in Köln

In Belarus verboten
Alhierd Bacharevič im Stadtgarten

Verdrängtes Kapitel
Svenja Leiber im Literaturhaus Köln

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Bunte Welten
Gratis Comic Tag 2026 an diversen Orten

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26

Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26

Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26

Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26

Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26

Literatur.