Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
31 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13

12.674 Beiträge zu
3.886 Filmen im Forum

Stefanie Sargnagel
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Erwachsenwerden zwischen Wien und Milwaukee

17. Februar 2021

Coming-of-Age mit Stefanie Sargnagel und Ayad Akhtar – Wortwahl 02/21

Eingekeilt zwischen kurzen Wintertagen und einsamen Home-Office-Stunden droht die Sehnsucht nach Freiheit und Ausbruch ins Unermessliche zu steigen. Und weil der Freiheitsdrang beim Spaziergang im Stadtpark nur notdürftig befriedigt wird, ist zumindest der Ausbruch in die Literatur ein empfehlenswertes Heilmittel. Im Coming-of-Age-Roman, also jenem Genre, das vom Erwachsenwerden erzählt, sind Freiheit und Ausbruch die größten Verheißungen. Mit „Dicht“ von Stefanie Sargnagel und „Homeland Elegien“ von Ayad Akhtar sind in den letzten Monaten gleich zwei grandiose Coming-of-Age-Romane erschienen.

Stefanie Sargnagel wurde durch humorvolle Kurztexte in den sozialen Medien bekannt, wo sie über ihre Erlebnisse als Callcenter-Mitarbeiterin, Saufexzessen und der folgenden Kater-Depression berichtete. Mit „Dicht“ legt Sargnagel nun ihren ersten Roman vor. Wobei sich die „Aufzeichnungen einer Tagediebin“, wie der Untertitel heißt, mehr wie ein filigran aus der Hüfte geschossenenes Tagebuch lesen. „Dicht“ erzählt die Geschichte eines verträumten Hippies, das sich schnell von der als lebensfeindlich empfundenen Schule abwendet und sich unter Anarchisten, Punks und anderen Lebenskünstlern in den Wiener Parks und Kneipen mischt. Mit ihnen tapert sie durch die Stadt, als wäre es ein großer Kinderspielplatz. Es wird – na klar – eine Menge geraucht und getrunken. Doch „Dicht“ ist mehr als die Ansammlung skurriler Saufgeschichten. Es ist vor allem eine berührende Hymne auf Profidieb und Bordsteinphilosoph „Michi“, in dessen Wohnung die bunten Vögel und Außenseiter eine Heimat finden (Rowohlt, 256 S., 20 €).

Auch „Homeland Elegien“ des amerikanischen Dramatikers und Schriftstellers Ayad Akhtar handelt von Heimat, vor allem aber von dessen Zusammenbruch. Zunächst erzählt der Roman die Geschichte seines Autors nach – wie er sich als Kind pakistanischer Einwanderer in den USA zu einem der bedeutendsten Theatermacher des Landes entwickelt. Gleichzeitig verwischen die Grenzen ins Fabelhafte, wenn Akhtar davon erzählt, wie sein Vater als Leibarzt von Donald Trump arbeitet und ihn später, als dieser Präsident ist, gegen jede Anfeindung verteidigt. Nicht nur eine gekonnt erzählte Bildungsgeschichte, sondern auch ein erkenntnisreiche Diagnose der amerikanischen Gesellschaft, die von der Auflösung des American Dream, dem alten Freiheitsmythos, heimgesucht wird (Claasen, 464 S., 24€).

Florian Holler

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Das gewisse Etwas

Lesen Sie dazu auch:

Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26

Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26

Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26

Von Generation zu Generation
Miriam Carbe im Literaturhaus Köln

Romeo und Julia als Aliens
Theaterlesung am Comedia Köln

Schmerzhafter Kinderwunsch
Eva Hegge liest im King Georg

Winzer, Hexen, Kommunisten
Bücherfest im Bürgerhaus Stollwerck

Mysteriöse Tonbänder
Norbert Scheuer liest in Bonn

Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26

Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26

Dem Tod abgerungen
„Eddos goldenes Lächeln“ von Stella Gaitano – Literatur 07/26

Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26

Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26

Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Literatur.