Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21

12.661 Beiträge zu
3.876 Filmen im Forum

Krank

26. Oktober 2017

Crime Fiction: zwischen Realität und Wahrheit – Wortwahl 11/17

Ein Mann erschießt knapp 60 feiernde Konzertbesucher und verletzt rund 500 weitere zum Teil lebensgefährlich. „Was für ein kranker, kranker Mensch!“ Von Ost bis West, der Rechtspopulismus ist in Europa wieder hoffähig. „Was für eine kranke, kranke Gesellschaft!“ Ein Vater erschlägt seine Frau und erstickt anschließend ihre gemeinsamen Kinder. „Was für eine kranke, kranke Person!“ Ein Mädchen verschwindet aus ‚gesicherten Verhältnissen’ und zieht in den Dschihad. „Was für ein krankes, krankes Geschöpf!“ Und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Krank, krank, krank!!! Ganz schön krank, es sich so einfach zu machen. Und da schimpft unsereins immer über die Berge an Kriminalliteratur, die den Eingangsbereich jeder größeren Buchhandlung verstopfen. Dabei findet selbst in den trivialsten Varianten eine differenziertere Analyse (oder zumindest Darstellung) des ‚Täters‘ statt als in Politik und Gesellschaft.

Corrie Jackson„Fashion Victim“ [Piper] gehört mit ihren Erfolgsingredienzien ganz sicher zu diesen Top-Seller-(Serien)-Kandidaten: Eine junge Journalistin in ihrer persönlichen Vorhölle (Tod ihres Bruders, drohender Jobverlust, Alk, Affären), Mode und Models als attraktive, aber fadenscheinige Glitzerwelt (von der Autorin durch ihren Background als Ex-Glamour-Chefredakteurin durch Detailwissen aufgepeppt). Ermittlung und Täterprofil sind dabei professionell mit Thrillertouch angelegt, doch das interessanteste Krankheitsbild steckt in der leidgeplagten Heldin und ihrer Egofixiertheit.

Mit ihrer obdachlosen „Lady Bag“ [ariadne] hat auch Liza Cody eine neue Serienfigur ins Rennen geschickt, deren tragische Vergangenheit jedoch deliriös im Hintergrund wabert, statt exaltiert nach Sympathiepunkten zu heischen. Entscheidend ist die Perspektive, aus der sich die geschredderte Spürnase in den Infight mit der kranken Welt stürzt. So auch im Nachfolger „Krokodile und edle Ziele“ [ebda], wo im Angesicht sozialer Verwahrlosung vor dem schnieken Panorama bornierter Bürgerlichkeit Großherzigkeit im Grunde nur noch zu Wut mutieren kann.

(Auch) James Lee Burkes Kultromane um Cop Dave Robicheaux spielen mit einem bisweilen erschütternden Kontrast: hier die traumhafte Natur der (durch die Erderwärmung dem Untergang geweihten) Bayous, dort die zutiefst abgründige Psyche des (seinen vorzeitigen Untergang herbeiführenden) Menschen. Doch: Selbst bei den abgefeimtesten

Gestalten des Organisierten Verbrechens wie in der überarbeiteten Neuausgabe von Flamingo [Pendragon] stehen stets die Schwächen, Ängste, Tragödien im Fokus, die die Täter zu Tätern (und die Opfer zu Opfern) machen.

Wie schwierig die Klassifizierung Täter/Opfer bisweilen ist, zeigt Dave Zelterserman„Small Crimes“ [pulp master]. Als Cop hatte Joe Denton der Schattenwelt eines korrumpierten Polizeiapparats den kleinen Finger gereicht … Nach sieben Jahren Haft ist seine private Welt ein Scherbenhaufen und die Pistole an seiner Schläfe immer noch da. Was ist jetzt noch hehrer Wunsch, was Tugend? Was krank?! Ethik, Moral, Recht erweisen sich auch hier nur als willkürlicher Versuch, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, auf dem sich gesellschaftliche wie individuelle Dispositionen nivellieren lassen – und damit unwillkürlich zu scheitern. R.I.P.

LARS ALBAT

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit

Lesen Sie dazu auch:

Zwischen Erinnerung und Widerspruch
Lesestunde zu Christa Wolf im Buchladen Sülzburgstraße – Literatur 06/26

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Abgründe eines Sommers
Ann-Christin Kumm liest in der litty Buchhandlung

Kohle ohne Ende
Julia Friedrichs liest in Bonn

Eine Nacht und ihre Folgen
Milena Karas liest am Comedia Theater

Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26

Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Drei Stimmen, drei Türen zur Lyrik
7. Ausgabe des Festivals Anderland in der Stadtbibliothek – Lesung 05/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26

Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26

Literatur.