Er sei ein Menschenfreund, einer der herausragendsten Lyriker und Essayisten unserer Zeit, seine Werke reich an Sprachmagie und von analytischer Prägnanz. Mit diesen Worten küren die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und die Jury des Heinrich-Böll-Literaturpreises den diesjährigen Preisträger José Oliver. Der 1961 in Hausach im Schwarzwald geborene Autor bringt in seinen Gedichten, Essays und Kurzprosa das Nomadische seiner andalusischen Heimat, Themen zu Migration und Integration sowie kulturpolitische Themen zur Sprache. Doch auch vermeintlich Unsagbares – das, was zwischen dem Geschriebenen oder Gesagten passiert – schafft Oliver auf beeindruckende Weise sagbar zu machen und den Leser in die Kraft des Nicht-Wortes hineinspüren zu lassen.
Oliver ist Beobachter, Aufklärer und Vermittler zugleich. Dass die Wurzeln dieser Funktionen durch seine Kindheit und seine Eltern, die aus Andalusien damals in den Schwarzwald kamen, mit seiner Sprachmagie eng verbunden sind, liegt nahe. „Du musst auf die Wörter schauen, dann erzählen sie dir eine Geschichte!“, lehrte ihn schon seine Mutter. Doch auch sein Vater, ein ehemaliger Gastarbeiter aus dem andalusischen Málaga, beherrschte das Spiel mit den Wörtern. Oliver ist ein Poet der Gastfreundschaft und wandert dichterisch zwischen spanischer Kultur, Temperament und Anekdoten aus seiner Familie die Zeilen auf und ab. Mal erzählend, mal singend. Seinen Vater würdigt er in dem Gedicht „Vaterskizze – ein Kühlschrank-Betracht“ als besonderen Gastgeber und huldigt darin auch einer der ersten Gerätschaften, die er in Deutschland besaß: dem Kühlschrank. Ein simples Manifest, stets und zu jeder Zeit Gäste in Empfang zu nehmen. Bei dieser rührseligen und unterhaltsamen Hommage hat man gleich ein wohliges Gefühl in Geist und Magen.
Die große Gabe der „Meersprachigkeit“
Doch nicht nur seine Werke zeugen von immenser Bedeutung, besonders in unserer heutigen Zeit, auch Oliver selbst schien schon in frühen Jahren seiner Zeit voraus zu sein. Nicht unwesentlich ist hierbei sein bilingualer Hintergrund, oder wie er es lyrisch beschreibt: seine Meersprachigkeit. Das Gendern sei für ihn dadurch schon immer selbstverständlich gewesen – und auch, wenn in modernen Diskursen von der „Woher kommst du?"-Frage zurecht abgeraten wird, so scheint Oliver diesen Teil seiner Geschichte in seinen Werken und in seinem ganzen Habitus besonders zu akzentuieren und als eine große Gabe gekonnt einzusetzen.
Am Donnerstagabend vor der offiziellen Preisvergabe im Wallraf-Richartz-Museum sitzt Oliver voller Lebensfreude und Selbstironie über den reichen Schatz seiner Werke gebeugt in der Zentral-Bibliothek, in der auch das Heinrich-Böll-Archiv beheimatet ist. Er liest an diesem Abend aus seinen Essays und Gedichten und lässt dabei Magie im ganzen Raum verströmen. Seine Anekdoten sind herzerwärmend und unglaublich unterhaltsam, und seine Literatur besteht aus nachhaltig klugen und wichtigen Zeugnissen, die über den Abend hinaus hochliterarische Momente der Poesie schenken.
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