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Eine Chance, um den eigenen Weg zu entdecken
Foto: IN VIA Köln

Freude am Lernen lernen

26. März 2026

Teil 1: Lokale Initiativen – Der Verein In Via Köln und die Motivia-Werkstattschule

Mit 800 Mitarbeitenden, 160 ehrenamtlichen Helfer:innen und Betreuungsangeboten in insgesamt 32 Schulen ist In Via einer der größten Sozialträger in Köln – und größte im offenen Ganztag. Seine Geschichte begann vor über 125 Jahren am Kölner Hauptbahnhof, wo Mädchen und Frauen vom Land auf der Suche nach Arbeit strandeten. Einige katholische Frauen aus dem Adel und Bürgertum ergriffen daraufhin die Initiative, um einen Weg aus der Mittellosigkeit zu zeigen – daher der Name In Via: Auf dem Weg. Heute setzt sich der Verein auch als Teil des internationalen Dachverbandes für alle Menschen ein, unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft. Im ehemaligen Jesuitenkloster in der Stolzestraße und im Garten der Religionen, in dem täglich interkulturelle Führungen stattfinden, sind alle willkommen.

Motivieren statt standardisieren

Einen besonderen Fokus legt In Via auf Bildung und Inklusion. Ein Angebot ist die Motivia-Werkstattschule, ein Projekt für Jungen im 9. und 10. Schuljahr, die von den Regelschulen nicht mehr erreicht werden, etwa aufgrund von körperlichen oder psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten, schwierigen Familienverhältnissen oder kriminellen Handlungen. An die Werkstattschule kommen die Jugendlichen über eine Beratungsstelle, die von Lehrer:innen und Erziehungsberechtigen über einen sogenannten Schulmüdenantrag eingeschaltet wird. Im Projekt werden dann in zusammen mit zwei Lehrkräften und einer Sozialkraft Lehrpläne erstellt, die auf den Förderbedarf der derzeit neun Schüler zugeschnitten sind.

Eigene Stärken entdecken

Die Werkstattschule „setzt auf praxisnahes, individuelles Lernen, bei dem Jugendliche ihre Stärken entdecken, Selbstwirksamkeit erleben und eng begleitet werden“, erklärt Ann-Kathrin Cuntz, die Bereichsleiterin der Schule. Statt um standardisierte Leistungen, geht es um die Freude am Lernen: „Wir sind der festen Überzeugung, dass sich verinnerlichte Muster von Schulabsentismus und ein negatives Selbstbild nur durch positive und motivierende Erfahrungen aufbrechen und verändern lassen“, so Cuntz. „Motivation ist der Schlüssel für den Bildungsweg, weil sie Ausdauer, Lernbereitschaft und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entstehen lässt und so nachhaltige Entwicklung und echte Zukunftsperspektiven ermöglicht.“

Perspektiven finden

Großen Wert legt die von der Stadt Köln mitfinanzierte Werkstattschule auf den Praxisanteil. Handwerkliche Arbeiten in der Holz- und Metallwerkstatt erfüllen dabei eine Doppelrolle: Die Jugendlichen betätigen sich körperlich und entdecken zugleich berufliche Perspektiven. Darüber hinaus gibt es Kulturangebote wie Demokratieprojekte, Fotografiekurse und Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog, und zweimal wöchentlich kochen die Schüler im Hauswirtschaftsunterricht eigene Gerichte. Zudem haben die Jugendlichen die Chance, bei In Via Pratika zu machen, z.B. im inklusiven Bistro im Refektorium oder in der Offenen Ganztagsschule. Ein ehemaliger Werkstattschüler arbeite mittlerweile selbst bei In Via, erzählt Cuntz.

Wechsel zur Regelschule

Um einen Wiedereinstieg in den Schulalltag zu ermöglichen, arbeitet die Werkstattschule eng mit der Förderschule Augustusstraße und der Trude-Herr-Gesamtschule zusammen. Haben die Schüler die Probezeit überstanden, können sie an eine dieser Schulen wechseln. Doch auch in der Werkstattschule können die Jungen einen ersten Schulabschluss erreichen. Besonders wichtig ist für Cuntz, dass die Jugendlichen die Schule nicht ohne klare Perspektive verlassen. Das grundlegende Ziel von In Via sei auch nach 125 Jahren noch dasselbe: Orientierung auf dem Lebensweg zu bieten.

Tim Weber

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