
8.00 Uhr, zwei Stunden Mathematik. 9.30 - 9.45 Uhr, Pause. Zwei Stunden Deutsch. Später noch Englisch und Kunst, einstündig. Dazwischen Mittagspause, Mensa oder Cafeteria. Im späteren Leben werden die Zeitslots anders benannt: Teambesprechung, Präsentation und Einführung ins neue Filing System. Außentermin.
In der Schule wird man auf das Leben vorbereitet, heißt es. Es stimmt, hier beginnt die Durchtaktung des Lebens. Die wichtigste Lektion scheint jene zu sein, dass mensch funktionieren muss im System. Im 19. Jahrhundert beginnt es, ein vermeintlich humanistisches Schulsystem wird aufgebaut. Zufälligerweise in jenem Jahrhundert, in dem auch nationalstaatliche und demokratische Prozesse anfingen, sich durchzusetzen. In dem die Wirtschaftsfrage eine nationalökonomische, eine volkswirtschaftliche wurde. Dieses System benötigt etwas: funktionierende und (gut) ausgebildete Arbeitskräfte, die sich an einem Leistungsdenken orientieren und im besten Fall auch die sich fortsetzenden Ungleichheiten als gottgegeben hinnehmen. Die (un-)mündigen Staatsbürger:innen.
Freiheit und Jugend sind nicht systemisch
Der schulische Raum, er war nie angelegt auf das, was die Jugend ausmacht: Bewegungsdrang, Neugier, Trotz und Rebellionslust, Provokation. Im Gegenteil, dies hat dort keinen Raum, wird ggf. sanktioniert. In jener Zeit, in der sich unsere mannigfaltigen Unterschiede mit Blick auf Geschlecht, Identität oder Interessen entwickeln können, in der wir wohl fluider sind als jemals danach im Leben, wird uns die Starrheit des Systems auferlegt.
Das ist nicht völlig falsch, denn die völlige Freiheit wird es in den Systemen, in denen wir leben, nie geben. Freiheit ist nicht systemisch. Genauso wenig wie Jugend. Schule hat etwas mit Erziehung zu tun und diese muss wohl oder übel auch Grenzen setzen. Doch sollte Schule eben auch ein Ort sein, der bildet, der fördert, der tatsächlich dazu führt, unser Potential zu entwickeln, damit wir ebenjenes einbringen können in das Gesellschaftssystem, in dem wir leben.
Schule von vorgestern
Ein Schulsystem, was in seinen Grundfesten aus dem 19. Jahrhundert kommt, wie soll es das leisten, im 21. Jahrhundert? Auf die Dynamik von heute mit starren und willkürlichen Konzepten aus der Vergangenheit zu reagieren, dies kann nur scheitern. Wir wissen längst, dass Noten, selbst sogenannte Intelligenzquotienten, in erster Linie Leistungsbereitschaft messen, aber eben nicht Fähigkeiten, Talente, Potentiale. Trotzdem halten wir daran fest, an dieser scheinbaren Objektivität einer scheinbar meritokratischen Gesellschaft. Wer mal einen Studienplatz in Medizin ergattern will, hatte besser in Religion und Kunst nur Einsen. Dies mag etwas über die Wahrscheinlichkeit des sogenannten Studienerfolgs aussagen, jedoch nichts über die tatsächliche Qualität als Arzt oder Ärztin zu arbeiten.
Die Quadratur des Kreises
Die Schule muss das Unmögliche möglich machen: Die Quadratur des Kreises. Es ist nicht per se verwerflich, dass sie auch ein Ausbildungsort ist, für den Arbeitsmarkt, für die Gesellschaft. Doch soll dort wirkliches Potential entfaltet werden, dann muss sie noch viel mehr sein. Ein Ort, an dem Bildung nicht nur als Mittel zum Zweck gelehrt wird, in der sich Kinder und Jugendliche ausprobieren können ohne Leistungs- und Bewertungsdruck. Denn nur dann können sie wirklich und wahrhaftig etwas leisten. Innovative Konzepte gibt es genug. Es liegt an den Erwachsenen, den Mut zu haben, diese zu bedienen und einen neuen Takt zu versuchen.
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Fehlbilanz
Intro – Mündig
„Wirklich Interesse zeigen“
Teil 1: Interview – Pädagogin Inke Hummel über die Beziehung zwischen Jugendlichen und Erwachsenen
Freude am Lernen lernen
Teil 1: Lokale Initiativen – Der Verein In Via Köln und die Motivia-Werkstattschule
Überwachen und Strafen
Teil 2: Leitartikel – Eine gesenkte Strafmündigkeit würde nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern zu mehr Kindern und Jugendlichen im Knast.
„Kinder, die Probleme machen, haben in der Regel auch Probleme“
Teil 2: Interview – Kriminologin Nadine Bals über Jugendstrafrecht und Strafmündigkeit
Helfen statt strafen
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Evangelische Jugendhilfe Bochum
Jedem sein Kreuz
Teil 3: Leitartikel – Über Mündigkeit an der Wahlurne
„Wir empfehlen, das Wahlalter zu senken“
Teil 3: Interview – Demokratieexperte Jonathan Hoffmann über die Wahlbeteiligung von Jugendlichen
Was junge Menschen bewegt
Teil 3: Lokale Initiativen – Filmreihen von Jugendlichen im Medienprojekt Wuppertal
Machtinteresse
In Österreich wählen bereits 16-Jährige – Europa-Vorbild: Österreich
Die Reifeprüfung
Erst zornig, dann stur. Das Leben des Homo politicus – Glosse
Glaube und Geld
Teil 1: Leitartikel – Gegen den milliardenschweren Kulturkampf der rechten Christen hilft kein Beten
Die Gefahr im eigenen Zuhause
Teil 2: Leitartikel – Gewalt gegen Frauen nimmt zu und betrifft die ganze Gesellschaft
Lebensrealität anerkennen
Teil 3: Leitartikel – Schwangerschaftsabbrüche zwischen Strafrecht und Selbstbestimmung
Drehtür in den Klimakollaps
Teil 1: Leitartikel – Hinter mächtigen Industrieinteressen wird die Klimakrise zum Hintergrundrauschen
Welt statt Wahl
Teil 2: Leitartikel – Klimaschutz geht vom Volke aus
Die Hoffnung schwindet
Teil 3: Leitartikel – Die Politik bekämpft nicht den Klimawandel, sondern Klimaschützer:innen
Worüber sich (nicht) streiten lässt
Teil 1: Leitartikel – Wissenschaft in Zeiten alternativer Fakten
Mieter aller Länder, vereinigt euch!
Teil 2: Leitartikel – Der Kampf für bezahlbares Wohnen eint unterschiedlichste Milieus
Noch einmal schlafen
Teil 3: Leitartikel – Ab wann ist man Entscheider:in?
Gerechtigkeit wäre machbar
Teil 1: Leitartikel – Die Kluft zwischen Arm und Reich ließe sich leicht verringern – wenn die Politik wollte
Gleiches Recht für alle!
Teil 2: Leitartikel – Aufruhr von oben im Sozialstaat
Die Mär vom Kostenhammer
Teil 3: Leitartikel – Das Rentensystem wackelt, weil sich ganze Gruppen der solidarischen Vorsorge entziehen