Stell Dir vor, Du bist der Enthauptung durch den IS entkommen, dem syrischen Bürgerkrieg entflohen oder hast auf der Flucht vor Diskriminierung, politischer Verfolgung oder dem sicheren Hungertod unter Lebensgefahr in einer Nussschale das Mittelmeer überquert. Und als Du erschöpft im Wohlstand verheißenden Europa landest erwartet Dich – eine leer stehende Praktiker-Filiale.
So ist es in Köln Porz-Eil geplant. 200 Asylsuchende sollen demnächst da untergebracht werden, wo sanitäre Anlagen, Privatsphäre oder Tageslicht fehlen. Der Geschäftsführer des Kölner Flüchtlingsrates, Claus-Ulrich Prölß, sieht darin zu Recht einen „Ausverkauf der humanitären Standards.“ Man muss kein Zyniker sein, um dabei sofort den bekannten Slogan der Baumarktkette im Ohr zu haben. Platzmangel hin, Flüchtlingsdebatte her, es ist traurig, dass wir nicht mehr zu bieten haben, wo unsere Gesellschaft doch jeden gefallenen Politiker noch in der freien Wirtschaft unterzubringen vermag.
Die Folgen der weltweiten, kriegerischen Auseinandersetzungen sind also auch in Köln sichtbar, womit sich auch unser Thema unter dem Titel FRIEDEN auseinandersetzt. Denn ausgerechnet in dem Jahr, in dem man allerorten zweier Weltkriege gedenken wollte, scheint der Frieden so fragil wie lange nicht.
Die Show geht wie so oft trotzdem weiter, aber auch Kultur und Kunst sind auf Krawall gebürstet. Ein Kulturenclash im Kleinen ist in CHAMBRES DES AMIS, einer Co-Produktion der Gruppe Futur 3 und der Compagnie Selma 95, zu sehen, die von einer deutsch-französischen Freundschaft handelt. choices traf Futur 3-Mitbegründer STEFAN H. KRAFT zum Interview. Ob Rafael Sanchez mit seiner Inszenierung von Sibylle Berg VIEL GUT ESSEN am SCHAUSPIEL KÖLN ebenfalls die implizierte Systemkritik gelingt, klärt unsere Rezension.
Ablenkung von der Politik bietet die Improvisierte Musik. Jazzjunkies müssen sich ihren „Stoff“ allerdings im Exil besorgen. Vom 8.-15.11. locken die LEVERKUSENER JAZZTAGE u.a. mit Gregory Porter. Einen weniger geschichtlichen als kunsthistorischen Blick auf DIE KATHEDRALE eröffnet die gleichnamige Ausstellung im WALLRAF-RICHARTZ-MUSEUM, die auch eine kleine Hommage an unseren Dom enthält. Im KÄTHE KOLLWITZ MUSEUM steht mit APOKALYPSEN wieder der Krieg im Fokus und das Werk von Kollwitz selbst den Kriegsdruckgrafiken deutscher Impressionisten gegenüber.
Emotional Brutal und gefühlsgewaltig geht es auch in MOMMY, unserem choice of choices-Film von Regiewunderkind XAVIER DOLAN zu. Darüber, dass die Brüsseler Bürokratie auch einen Auftragskiller in den administrativen Wahnsinn treiben kann, erzählt hingegen DIE EINSAMKEIT DES KILLERS VOR DEM SCHUSS von FLORIAN MISCHA BÖDER, mit dem wir unser Gespräch zum Film führen. Geballtes Kino im Festivalherbst versprechen außerdem die CINECOLOGNE, die vom 19.-26.11. sechs kleinere Filmfestivals bündelt oder der NRW KINOTAG am 9.11. Letzteres Datum ist gleichsam ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, in mahnender Erinnerung an die Novemberpogrome 1938. 2014 sollte uns dieser Tag aber auch daran erinnern, dass in Europa nicht immer Frieden herrschte, wie schnell sich selbst das Blatt auch für uns wenden und wir selbst zu Flüchtlingen werden könnten.
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