Vor zehn Jahren, im Sommer 2016, spielte Ásgeir mit seiner Band und seinen elektronisch pluckernden Folkmelodien auf dem Duisburger Traumzeit-Festival. Sein Debütalbum mit von seinem Vater geschriebenen Texten war unter dem Titel „In the Silence“ 2014 noch einmal veröffentlicht worden und von niemand Geringerem als John Grant ins Englische übersetzt. Da war Ásgeir Trausti Einarsson gerade mal 21, der Autor seiner Texte 72. In Duisburg sang er die isländischen Originalversionen. Faszinierend an seinem Debüt war der Dreiklang aus seiner betörenden Falsettstimme, den hochmelodischen Tunes und der elektronischen Anreicherung (nie Überfrachtung) dieser im Kern akustischen Songs. Live wurde der rhythmische Gehalt der Songs stärker ausgestellt, der Bandsound voll ausgeschöpft.
Ásgeir selbst stand dabei gerne in der Mitte des Geschehens, die Augen geschlossen, sich in die melancholische Stimmung seiner Songs hineinsingend. Auch auf der (in Duisburg damals sehr großen) Bühne wirkte es, als würde er am liebsten allein oder im eng vertrauten Kreis sein. Eigen und wunderschön. Nach seinem Set blickte ich in entrückte, verklärte Gesichter. Zwischen der sich verstreuenden Menge und „War das geil...!“-Satzfetzen ging ich, irgendwohin. Das Debütalbum erreichte Achtungserfolge in Europa; im pop-affinen Großbritannien kam es in die Top 50. In Island allerdings besitzt jeder zehnte Haushalt sein Album. Rechneten wir das auf z.B. Deutschland um, kämen wir auf 8 Mio. verkaufte Alben, also weit vor den hier bis dato meistverkauften Phil Collins, Grönemeyer und dem Soundtrack zu Dirty Dancing.
Es kam, wie es oft kommt, wenn der erste Wurf in sich stimmig ist. Nichts gegen Innovation und Weiterentwicklung, aber manchmal beraubt der Wunsch nach Veränderung die Kunst ihrer ursprünglichen Stärken. Die Produktionen wurden opulenter und breitwandiger, die Musik auf den drei auf ...Silence folgenden Alben austauschbarer.
Auf dem neuen, diesen Februar erschienenen Album „Julia“ kehrt Ásgeir nun zurück zum zurückgenommenen, im Kern akustisch grundierten Stil des Debüts. Drums und Synthesizer werden dezent eingesetzt. Ein Novum gibt es dennoch: erstmals singt Ásgeir von ihm selbst geschriebene Texte, was sie persönlicher und leichter nachzuempfinden macht. Ein Superstar wie in Island wird er hier wohl weiterhin nicht werden. Umso nachhaltiger können die Erinnerungen an Ásgeirs Konzerte in atmosphärischen Konzertlocations sein, den stiller werdenden Herbst vorwegnehmend.
Ásgeir – In the Silence (2014, One Little Indian)
– Julia (2025, Embassy Of Music)
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Zurück zur Straßenmusik
Dan & Dota in der Kantine – Musik 11/24
Psychedelische Universen
Mother‘s Cake im Helios 37 – Musik 10/24
Sehnsucht nach Nähe
Nichtseattle im Bumann & Sohn – Musik 05/24
Wachstumsschub fürs Herzenprojekt
Green Juice Festival in Bonn – Festival 07/22
Legendäre Künstler zur Open-Air-Saison
KunstRasen in der Bonner Rheinaue – Festival 06/22
Einladung zum Zuhören
Zum 4. Mal Shalom Musik Festival in Köln – Festival 09/26
Musikalischer Spätsommer
Festival Classic Nights in der Abtei Brauweiler – Festival 08/26
Aus der Zeit gefallen
Ron Sexsmith in der Kölner Kulturkirche – Musik 07/26
Wenn es kein Morgen gibt
Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Düsseldorfer zakk – Musik 07/26
Stille Hochkaräter
2. Even Flow Festival am Tanzbrunnen – Festival 06/26
Romantischer Frühling
Cellist Daniel Müller-Schott und das Kölner Kammerorchester in der Philharmonie – Musik 05/26
Reise in die 20er
Pianist Olli Mustonen im VdH-Museum und in der Historischen Stadthalle – Musik 04/26
So klingt Fühlen
5. stARTfestival in Leverkusen – Festival 03/26
Londoner Straßensoul
Joy Crookes in der Kölner Live Music Hall – Musik 11/25
Komplex und zugänglich
Jazzpianist Shai Maestro im Loch – Musik 11/25
Eine Rose am Revers
Jerry Leger im 674FM Konzertraum – Musik 10/25
Nicht mehr wegzudenken
Das Wuppertaler Jazzmeeting 2025 – Musik 10/25
Im Rausch der unerhörten Klänge
Beyond Dragons im Stadtgarten – Musik 10/25
Die Poesie der Sehnsucht
Young Rebel Set im Gebäude 9 – Musik 09/25
Ohne Grenzen
74. Ausgabe der Konzertreihe Soundtrips NRW – Musik 09/25
Vom Tanzen träumen
Die NRW-Tour der Jazzpianisten Chris Hopkins und Ulf Johansson Werre – Musik 08/25
Das Gesamtwerk pflegen
Haydn-Festival 2025 in Brühl – Musik 07/25
Bis das Regime gestürzt ist
Mina Richman bei den Stadtgartenkonzerten am Alten Zoll in Bonn – Musik 07/25
Für stille Momente
Das Even Flow Festival am Tanzbrunnen – Festival 06/25
Anruf der Legenden
JD McPherson im Luxor – Musik 05/25