Rassismus, Feminismus, Geschlechterfragen – die Auswahl bunter Bücher auf dem kleinen Tisch im Eingangsbereich des Ladens trifft moderne gesellschaftskritische Diskurse. Das spricht die alternativen Bewohner Kalks an. „In den letzten Jahren haben wir viele neue junge Kunden bekommen, die ihre Bücher nicht mehr im Internet kaufen wollen. Sie bestellen oder stöbern lieber hier“, sagt Inhaberin Urszula Jablonska. Einige seien auch erst während der Pandemie auf die Buchhandlung aufmerksam geworden. Da konnte man vorbestellte Bücher im Laden abholen.
Jablonska hat zunächst in Krakau, dann in Köln Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Ihre Empfehlung vereint diese Interessen: „Soutines letzte Fahrt“ von Ralph Dutli (Wallstein, 2013). „Hier erzählt der Schweizer Autor die Geschichte von dem Maler Chaim Soutine. Das Buch spielt in Frankreich in der Kriegszeit, 1942. Soutine ist untergetaucht. Er ist jüdischer Abstammung und wird krank. Deshalb muss er nach Paris gebracht werden und wird dafür in einem Leichenwagen versteckt. Seine Freundin, die zweite Frau von Max Ernst, begleitet ihn dorthin. Die Reise dauert lange und er erinnert sich an sein Leben. Zum Teil biografisch, zum Teil fiktiv erzählt Dutli so Soutines Lebensgeschichte“, so Jablonska.
Für sie ist es „eines der schönsten Bücher, die ich gelesen habe.“ Besonders gefalle ihr „die Art und Weise wie in wunderschönen expressionistischen Bildern das Leben von diesem wichtigen Künstler erzählt wird, der in Frankreich sehr berühmt war, in Deutschland aber weniger bekannt ist.“

Der letzte unabhängige Buchladen des Veedels feiert dieses Jahr sein 25. Jubiläum. Sein Überleben ist dem feinen Gespür für die Bedürfnisse ihrer Kunden zu verdanken, das Jablonska und ihr Team immer wieder beweisen. Dafür haben sie auch mal das gesamte Konzept infrage gestellt, umgeworfen und das einstige moderne Antiquariat in eine Sortimentsbuchhandlung verwandelt. Sachbücher, Belletristik und Kinderbücher sind heute die wichtigsten Sparten.
Auch in ihrer Umgebung hat sich mit der Zeit vieles verändert. „Als wir geöffnet haben, gab es alle Branchen auf der Kalker Hauptstraße. Die Geschäfte haben dann nach und nach zugemacht“, erzählt die Buchhändlerin wehmütig. Zuletzt hat die Eröffnung des Einkaufszentrums Köln Arcaden 2005 die einstige Vielfalt auf der Hauptstraße nachhaltig beeinträchtigt. „Man hatte uns versprochen, dass das die Kalker Hauptstraße beleben wird, aber es kam ganz anders.“

Manja Köbbert arbeitet seit 2009 im Buchladen Kalker Hauptstraße. Sie empfiehlt uns „Offene See“ von Benjamin Meyers (DuMont, 2020). Der Coming of Age-Roman erhielt letztes Jahr den „Preis der Unabhängigen“, dessen Gewinner von Buchhändlern ausgewählt wird. „Es geht um den 16-jährigen Robert, der seinem Elternhaus entfliehen möchte, weil er so wie seine Vorfahren im Bergbau Nordenglands arbeiten soll und davor noch etwas von der Welt sehen möchte“, so Köbbert.
„Er entschließt sich, nach Südengland zu gehen, die Küste entlang, und auf halbem Weg trifft er eine alte Dame, die alleine in einem Cottage in den Dünen lebt. Aus einer Einladung zu einem Kaffee wird ein längerer Aufenthalt. Bei vielen Gesprächen bekommt Robert einen ganz neuen Blick aufs Leben, weil die alte Dame sehr unkonventionell ist.“ Ein spannender Wendepunkt ergebe sich schließlich, als Robert ein altes Manuskript findet. Vor allem Meyers‘ metaphorischer Schreibstil habe Köbbert beeindruckt: „Das Buch ist atmosphärisch aufgeladen und hat sehr viele intensive Naturbeschreibungen. Man fühlt richtig die Weite der Dünenlandschaft.“
Vor Ort arbeitet die Buchhandlung mit den Schulen zusammen, bedient Stammkunden aus dem Rathaus und kooperiert mit dem Integrationshaus und dem Naturfreundehaus. Weil das Europäische Literaturfestival Köln-Kalk (3. - 5.9.) pandemiebedingt nur draußen stattfindet, sind Jablonska und ihr Team dieses Jahr keine Ausrichter, auch wenn sie es gerne wären. Privat seien sie bei Literaturveranstaltungen in Kalk aber immer mit dabei.
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